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Pressemitteilung

Erdgas: Fluch oder Segen für den Klimaschutz?

Mittwoch, 16.05.2018 Dateien: 1

Im März 2018 hat das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) North Stream 2 in der Ostsee genehmigt. Die Gasleitung von Russland in die EU schafft neue Kapazitäten für den Erdgas-Import. Pipelines werden auf 50 Jahre und länger geplant. Offenbar gehen die Betreiber davon aus, dass der Gasbedarf ansteigen und zumindest für diese 50 Jahre noch auf hohem Niveau weiterlaufen wird. Dabei ist der Bedarf für Gas in der EU von 2006 bis 2016 um 12,8 Prozent gesunken. Auf der anderen Seite steht das Klimaziel von Paris. Deutschland will seine Emissionen bis 2050 um 95 Prozent reduzieren. Das sind nur noch 30 Jahre. Ist das eine mit dem anderen vereinbar? Und ist synthetisches Gas die Wunderwaffe, die alle Probleme löst?

© Alex Kich/Fotolia

- DUH-Energieexperte Dr. Peter Ahmels im Interview -

Wie klimafreundlich ist Erdgas?

Mit Gas als Brennstoff können CO2-ärmer Strom und Wärme erzeugt werden als mit Kohle und Öl. Zum Vergleich: Erdgas statt Braunkohle spart etwa 66 Prozent CO2 bei der Stromerzeugung, Erdgas statt Öl spart 22 Prozent Emissionen bei der Wärmebereitstellung.

Für eine Reduktion um 95 Prozent ist der CO2-Ausstoß bei der Verbrennung von Gas aber dennoch zu hoch. Flüchtige Emissionen und insbesondere Methanleckagen in der gesamten Produktions-, Transport- und Verbrauchskette von Erdgas sind zudem in diesen Berechnungen nicht enthalten.
In jedem Fall gilt: Spätestens ab 2030 sollte keine Heizung, kein Fahrzeugmotor mehr hergestellt werden, der auf fossile Energien angewiesen ist. Nur wenn sichergestellt ist, dass dann synthetisches Gas aus erneuerbaren Energien Erdgas ersetzt, ist ein Weiterbetrieb vorstellbar. Die Frage ist: Wird dieses klimaverträgliche Gas in absehbarer Zeit in den notwendigen Mengen und zu einem vertretbaren Preis zur Verfügung stehen? Was kurzfristig sinnvoll scheint, nämlich die schnelle Reduktion von CO2 durch den Einsatz von Gas, wird ohne klaren politischen Fahrplan langfristig zum klimapolitischen Bumerang.

Setzen wir mit Gas auf das falsche Pferd?

Ja und nein. Grundsätzlich werden für viele Anwendungen, besonders im Mobilitätsbereich, Gas oder daraus weiterentwickelte Energieträger die einzige Antriebsenergie sein. Auch in der Industrie ist Gas als Grundstoff und für Hochtemperaturprozesse unverzichtbar. Nur: Es muss erneuerbar sein. Damit ist nicht Biogas gemeint, sondern synthetisches Gas, durch Elektrolyse aus erneuerbarem Strom hergestellt. Aber noch liegen die Umwandlungsverluste mit 25 bis 30 Prozent bei Wasserstoff und mit etwa 50 Prozent bei Methan sehr hoch, das heißt es müssen deutlich mehr Windräder und PV-Anlagen für die "Gasschiene" gebaut werden, als es bei der direkt-elektrischen Nutzung der Fall wäre.

Hinzu kommt der deutlich schlechtere Wirkungsgrad von Verbrennungsmaschinen im Vergleich zu Elektromotoren. Das ist zum einen teuer, zum anderen ist die Fläche nicht endlos vorhanden. Deshalb ist Effizienz auch so wichtig. Die Gebäude müssen weiter ihren Energiebedarf senken, die Gebäudehülle muss gedämmt werden und es muss möglichst direkt-elektrisch mir Wärmepumpen oder über Erneuerbare-Wärmenetze geheizt werden. Antriebe oder Verkehrssysteme müssen ebenfalls möglichst mit Strom laufen, wie Batterie- oder Schienenfahrzeuge. Natürlich besteht die Chance, synthetisches Gas kostengünstiger und in größeren Mengen in Sonnenländern aus PV-Strom zu erzeugen. Aber es braucht Logistikketten und Süßwasser, dessen Verfügbarkeit unklar ist. Auch die Herausforderungen an die Langzeitstabilität von PV-Modulen unter extremen Witterungsbedingungen, wie sie in diesen Regionen vorherrschen, sind größer.

Möglicherweise ist das alles lösbar, aber es passiert nicht von alleine. Der "Markt" richtet es nicht. Im Gegenteil, je weniger Erdgas gebraucht wird, desto billiger wird es. Es braucht glaubwürdiges politisches Bekenntnis zu einem Dekarbonisierungspfad, zum Beispiel durch eine wirksame CO2-Bepreisung.

Wie könnte der Ausstiegspfad aus fossilem Gas gelingen?

Das Prinzip ist von den erneuerbaren Energien her gut bekannt: Entweder über Quoten oder über Ausschreibungen muss ein verbindlicher Ausstiegspfad aus fossilem Gas definiert werden. Damit lässt sich recht genau bestimmen, wie hoch der Anteil von erneuerbarem Gas in welchem Jahrzehnt sein wird. 2050 wird er bei 100 Prozent liegen müssen. Da erneuerbares Gas nicht in beliebiger Menge zur Verfügung stehen wird, müssen bei allen Anwendungen Effizienzmaßnahmen mitentwickelt werden. Daneben müssen Umwandlungstechniken bei der Herstellung von Erneuerbaren-Gas weiterentwickelt werden. Das ist anspruchsvoll, ohne Frage. Aber die Politik muss hier vorausschauend handeln, um viele Millionen Heizungsbesitzer, Autofahrer und letztlich auch die Industrie vor Fehlinvestitionen zu bewahren. Der Skandal um den Diesel zeigt, was auf die Verbraucher zukommen kann, wenn die Politik es versäumt, klare Spielregeln festzulegen und diese auch zu kontrollieren. In Teilen der Politik besteht Zurückhaltung, den Weg klar zu benennen. Ohne einen klaren politischen Fahrplan wird aber die vermeintliche Wunderwaffe "synthetisches Gas" zu einem klimapolitischen Fluch. Gazprom wird damit leben können.

Dieser Beitrag erschien in ähnlicher Form als Gastbeitrag in der Zeitschrift "neue energie".

Konkrete Empfehlungen, wie Gebäudeeigentümer mit dem Thema „Heizen mit Gas“ umgehen können, gibt das DUH-Infopapier "Klimaschutz in den eigenen vier Wänden", das Ihnen am Ende dieser Seite zum Download bereitsteht.

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