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Laudatio Dr. Norbert Blüm – Preisträger Christian Jentzsch

Preisträger Christian Jentzsch zwischen Prof. Dr. Harald Kächele, Bundesvorsitzender der DUH (l.) und Laudator Dr. Norbert Blüm. © Sebastian Pfütze / DUH© Sebastian PfŸtze

Lieber Christian Jentzsch, verehrte Preisträger, meine Damen und Herren,

ich lobe Christian Jentzsch, weil ich der festen Überzeugung bin, dass gute Ziele, gute Menschen Aufmerksamkeitshilfen brauchen. Schlechte Ziele und schlechte Menschen schaffen sich ihre Aufmerksamkeit selber. Und Aufmerksamkeit ist eine wichtige Ressource im Kampf für eine bessere Welt.

Wem gehört das Wasser? Das ist die Frage von Christian Jentzsch. Das ist eine ganz einfache Frage. Und darauf eine ganz einfache Antwort, den Menschen. Ich plädiere, wieder einfache Fragen zu stellen, denn es könnte sein, dass wir vor lauter Wald die Bäume nicht mehr sehen. Die Wahrheit im Wortgetümmel unter geht. Wir informieren uns zu Tode, wir twittern uns in Belanglosigkeiten und vergessen Hauptfragen. Während der Dachstuhl brennt, diskutieren wir im Parterre, wie wir das Schlafzimmer im ersten Stock tapezieren. Oder um es noch krasser zu sagen: während der Dachstuhl brennt, beschweren wir uns, dass im ersten Stock der Wasserhahn tropft und vergessen darüber, die Feuerwehr zu holen.

Es geht wieder, ganz einfache Fragen zu stellen. Wem gehört das Wasser? Und die einfache Antwort: den Menschen. Es könnte sein, dass die Komplikateure auch davon leben, dass sie in ihren Komplikationen die Hauptfrage der Menschheit vergessen. Es gibt Lebensmittel, ohne die der Mensch nicht leben kann. Licht. Luft. Wasser. Wer sie besitzt, hat Macht. Der Besitz von Licht und Luft ist schwieriger zu organisieren. Da hapert’s mit dem Besitz, der andere ausschließt. Denn wenn man die Augen aufmacht, sieht man das Licht und wenn man atmet, hat man die Luft. Beim Wasser ist der Ausschluss leichter. Soll Wasser nur derjenige bekommen, der Geld hat? Soll Geld den Zugang zum elementaren Lebensmittel Wasser regulieren? Wollen wir die Welt wirklich dem Geld ausliefern?

Es gibt einen alten Mythos, in diesen Märchen sind ja oft große Weisheiten enthalten. Midas erbat von Dionysos, dass alles was er berührt, zu Gold wird. Er bekam den Wunsch erfüllt, aber schon kurze Zeit später flehte Midas Gott an, zurückzunehmen das Geschenk. Denn alles was er berührte, wurde zu Geld. Soll das Wasser auch zu Geld werden? Können wir Geld trinken? Wir können mit Geld die Welt ruinieren. Die elementaren Sachen dürfen nicht dem Geld ausgeliefert werden. Die Perversionen gibt es ja heute schon, Du kannst Leben kaufen. Die Leihmutter kostet in Indien 3000 Dollar. Wollen wir die Quellen des Wassers der Ratio des Geldes aussetzen? Das ist keine wirtschaftliche Frage. Das ist noch nicht einmal eine Umweltfrage. Es ist eine kulturelle Frage. Wenn die Marktwirtschaft überleben soll und ich bin Markwirtschaftler, dann müssen ihr Grenzen gesetzt werden. Eine grenzenlose Marktwirtschaft funktioniert nicht.

Das jedenfalls wusste selbst der Erfinder der Marktwirtschaft, Adam Smith. Der hat darauf vertraut, dass die Empathie der Gier Grenzen setzt. Ich würde mich auf Empathie nicht so fest verlassen, obwohl Empathie nicht unwichtig ist bei der Organisation des Lebens. Ich würde nämlich nicht gerne in einer Gesellschaft leben, in der alles was gesollt wird, gesetzlich geregelt ist. Dennoch, die Väter der sozialen Marktwirtschaft waren skeptischer. Sie überließen nicht alles dem Sollen, sondern wollten eine rechtliche Ordnung, die dem Markt Grenzen setzt. Sie wussten, dass die Marktwirtschaft nur in einer Ordnung überlebt: In einer Marktordnung, deren Ziel es ist, Marktmacht zu verhindern. Der eigentliche Impetus für Marktwirtschaft ist Machtbändigung. Das ist ihr ideeller Grund. Nicht nur Wohlstandsmehrung. Das ist ein sekundärer, auch berechtigter Grund.

© Sebastian Pfütze / DUH

Wer bändigt die Macht von Nestlé, Coca Cola, Pepsi Cola und Danone? Dies sind vier Wasser-Monopolisten dieser Erde.

Ludwig Erhard, der Vater der sozialen Marktwirtschaft, hat eine Kartellgesetzgebung durchgesetzt, in der Marktmacht verhindert werden soll. Wer kann in der globalen Wirtschaft eine Kartellgesetzgebung durchsetzen? Wer schafft den Ordnungsrahmen gegen eine wild gewordene globale Marktwirtschaft?

So wird sie nicht überleben und diese Frage stellt Christian Jentzsch nicht philosophisch, sondern mit einer einfachen Frage, die jeden berühren muss. Ist das Wasser für alle da? Ist das lebendige Wasser nicht nur für die Reichen da, sondern für alle, die auf dieser Erde Mensch sind? Deshalb ist der Film von Christian Jentzsch ein Kampf für Menschenrecht. Für das Menschenrecht auf Wasser. Auf lebendiges Wasser. Auch hier glaube ich, dass wir die Menschenrechtsdiskussion entkomplizieren müssen. Dass wir sie nicht den feinsinnigen Ideologen überlassen dürfen. Es geht um die elementaren Lebensrechte: das Recht auf Leben, das Recht auf Essen, Trinken, Denken. Nicht gefoltert zu werden, das ist ein unmittelbares Menschenrecht, das völlig unabhängig von Religion, Geschlecht und Kultur ist. Und wenn es universale Menschenrechte gibt, dann müssen sie überall gelten.

Deshalb geht es nicht darum, ein europäisches Modell von Mensch weltweit zu exportieren, sondern die elementaren Menschenrechte global zu verteidigen. Und deshalb, lieber Christian Jentzsch, haben Sie die Hauptfrage der Menschheit gestellt, nicht die sekundäre Frage. Und deshalb wünsche ich, dass Ihr Film nicht nur viele Zuschauer findet, sondern dass er Denken verändert.

Wenn man die Macht von Nestlé, Coca Cola, Pepsi Cola und Danone muss gebändigt werden und die Skrupellosigkeit mit der sie ihre Macht durchsetzen. Wie hat der Boss von Nestle gesagt? „Wasser wird knapp, dann müssen wir die Hand auf die Quellen halten.“ Kann man es eigentlich noch brutaler sagen? Weil es knapp wird, halten wir die Hand auf die Quelle? Wie soll denn Wassermarktwirtschaft in der Sahara funktionieren? Der eine hat das Wasser, der andere hat Durst. Wer von den zwei kann länger auf den anderen warten? Der, der Durst hat oder der, der das Wasser hat? Es könnte sein, dass wir weltweit uns der Sahara näheren, wenn das Wasser knapp wird. Von den Gletschern des Himalaya wird ein Drittel der Weltbevölkerung versorgt. Was machen wir, wenn das Wasser knapp wird? Bestimmt dann Nestlé, Pepsi Cola, Coca Cola und Danone, wer trinken darf und wer nicht trinken darf? Wollen wir zurück ins Neandertal? Sollen wir zurückfallen in Primitivität?

Das entscheidet sich an solchen Elementarfragen. Man könnte den Kampf von Christian Jentzsch vergleichen mit dem von David gegen Goliath. „Ich komme im Namen des Herrn“, sagt David, sein Nachfolger Christian sagt: „Ich komme im Namen einer Idee“. Nämlich der Idee der Menschenrechte.

© Sebastian Pfütze / DUH

Meine Damen und Herren, ich bin ein aufklärerischer Optimist, wenn die Idee der Menschenrechte die Herzen und Gehirne der Massen ergreift – das wusste schon Karl Marx – dann sind sie eine Macht? Und wenn das als romantische pubertäre Versponnenheit verdächtigt wird, dann frag ich sie zurück, wer hat die großen Veränderungen in den letzten 30 Jahren bewirkt? Ist die Sowjetunion unter dem Beschuss von Raketen zusammengebrochen? Ist die Bundeswehr in die DDR einmarschiert? Hat Gewalt die Welt verändert? Oder waren es Ideen? Ideen der Freiheit.

Wenn die Menschen nicht in der DDR auf die Straße gegangen wären und hätten gerufen „wir sind das Volk“… bei allen großen Verdiensten der Politik, wenn die Idee der Freiheit nicht die Herzen und Hirne der Menschen erobert hätte, säße heute hier in Ostberlin noch das Zentralkomitee der SED.

Wir können die Welt verändern. Veränderung heißt noch nicht, wann und wie das Ziel erreicht wird. Erst, wenn wir es schaffen, die Idee der Menschenrechte zu sichern: die Idee, dass jeder Mensch Recht hat. auf Wasser hat. Die Güter dieser Erde für alle da sind. Das ist die elementare Botschaft. Und jede Ordnung muss beweisen, ob sie diesen Elementarsatz rechtfertigt. Wenn nicht, hat sie die Legitimation verloren. Deshalb steht die Marktwirtschaft unter Legitimationszwang. Bändigt sie die Macht jener neuen Besitzer der Erde, die Besitzer des Wassers: Pepsi Cola, Coca Cola, Nestlé und Danone. Die Usurpatoren müssen beim Namen genannt werden und nicht im akademischen Feinnervigkeit, sondern grob deutlich. Die Fahndung auf die Täter muss aufgenommen werden.

Dafür, lieber Christian, danke ich Ihnen, dass Sie das getan haben.

Transkript DUH-Bundesgeschäftsstelle – Radolfzell, 26.11.2013

Laudatio Jentzsch Bluem transkript 09122013.pdf

Dr. Norbert Blüms Laudatio für den Preisträger in der Kategorie "Film", Christian Jentzsch zum kostenlosen Download.

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