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Fußball-WM in Katar: Massives Greenwashing made by FIFA

Donnerstag, 01.12.2022

Die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2022 der Männer in Katar ist in vollem Gange – ein Turnier, das aus vielerlei Gründen umstritten ist. Wie es um den ökologischen Fußabdruck der WM und die Nachhaltigkeit im Fußball steht, erklärt Barbara Metz, Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Umwelthilfe, im Interview.

© Stefan Wieland

Im Vorfeld des Turniers beteuerten die Verantwortlichen immer wieder, dass diese WM so nachhaltig wie nie zuvor werden würde. Was ist von solchen Aussagen zu halten?

Das ist ganz klar massives Greenwashing und tatsächlich ein riesengroßes Problem. Das Gastgeberland Katar und die FIFA stellen absolut nicht transparent dar, wie sie eine klimaneutrale Weltmeisterschaft erreichen wollen. Angeblich sollen sämtliche CO2 Emissionen, die etwa durch den Stadionbau, Flüge und die ganze Logistik anfallen, kompensiert werden. Aber diese Rechnung geht leider nicht auf. Durch das Pflanzen von Bäumen, die irgendwann in Zukunft CO2 speichern sollen, wird der enorme CO2 Ausstoß heute nämlich nicht verhindert. Das ist das große Problem mit solchen Kompensations-Werbeversprechen: Die Werbetreibenden nutzen ihre Behauptungen oft als Freifahrtschein, um tun und lassen zu können, was sie wollen. 

Was macht die Weltmeisterschaft in Katar so umweltschädlich?

Zum einen hat das Land als Veranstaltungsort einfach nicht ausreichend Kapazitäten, um all die Besucher und Besucherinnen aufnehmen zu können. Viele Fußballfans kommen deswegen in angrenzenden Ländern und Regionen unter und nehmen weite Strecken zu den Spielen auf sich. Pro Tag entstehen allein dadurch bis zu 160 Flüge. 

Die bereits vorhandene Infrastruktur für dieses Großevent war bekanntermaßen nur marginal. Sieben Fußball Stadien wurden extra für das Turnier neu gebaut. Das bedeutet natürlich einen wahnsinnig hohen Einsatz von Ressourcen und Energie – ganz zu schweigen von den Berichten über Menschenrechtsverstöße, die in diesem Zusammenhang stattgefunden haben. Nun wird zwar stolz behauptet, dass eines dieser Stadien in Afrika weiterverwendet werden soll - aber auch das verursacht selbstverständlich einen weiteren enormen Ressourcen- und Energieverbrauch. Das Stadion muss schließlich abgebaut, auf einen anderen Kontinent transportiert und dort wiederaufgebaut werden. Der Klimaneutralität dient das sicher nicht. Nach der WM werden die Stadien nicht ansatzweise ausgelastet sein. Wie es um die allgemeine Beliebtheit des Fußballs in Katar steht, war bereits während des Eröffnungsspiels gegen Ecuador eindrücklich zu sehen. Das Land braucht schlicht untergreifend keine acht Fußballstadien in dieser Größenordnung. Natürlich stellt sich dann die Frage, ob der Ressourcenaufwand für diese Neubauten sinnvoll sein kann, wenn sie bereits nach zwei Monaten keinen regelmäßigen Nutzen mehr haben.

Im Zusammenhang mit der WM wurde natürlich einige Pilotprojekte ins Leben gerufen, um etwa die Stadien mit erneuerbaren Energien zu betreiben. Leider sind diese Projekte nur die Ausnahme, denn das Land wird im Grunde genommen zu 100 Prozent fossil betrieben. Dazu kommt, dass Katar weltweit eines der größten Wasserverbrauchsaufkommen pro Person hat. Jeden Tag werden hier 430 Liter Wasser pro Haushalt verbraucht. Durch das hohe Aufkommen an Besucherinnen und Besuchern wird der Bedarf zur WM natürlich nochmal stark intensiviert. Die Verantwortlichen in Katar schmücken sich zu allem Überfluss dann auch noch damit, Wasser für „natürliche“ Kühlungssysteme in den Stadien zu nutzen. Hierbei handelt es sich allerdings um Meerwasser, das zunächst in einem extrem energieintensiven Prozess entsalzt wird, dann energieintensiv zu den Stadien transportiert werden muss und schließlich als Kältemittel eingesetzt wird. 

So ist es mit vielen Maßnahmen, die die WM in Katar angeblich klimaneutral machen sollen. Schauen wir genauer hin, entdecken wir riesige CO2-Mengen, die tatsächlich ausgestoßen werden. Aus einer umwelt- und klimapolitischen Perspektive ist Katar kein geeigneter Veranstaltungsort, aus einer Menschenrechtsperspektive dem Anschein nach ebenfalls nicht.   

Die WM Vergabe hätte also auch für das Klima besser ausfallen können. Wie steht es denn etwa um die Nachhaltigkeit im deutschen Fußball?

Der deutsche Fußball könnte auch schon deutlich weiter sein, als er es heute ist. Die DFL hat sich 2022 erstmals Nachhaltigkeits-Kriterien ausgedacht – in einem Jahr in dem wir die Auswirkungen der Klimakrise schon längst erleben und das Thema gesellschaftlich breit diskutiert wird. Die DFL hat es nun geschafft, von den Fußballvereinen zu verlangen, dass sie zumindest einmal aufschreiben sollen, was sie eigentlich im Bereich Nachhaltigkeit tun. Ich finde, da könnten ruhig einige Schritte übersprungen werden. Die Zeiten, in denen ohne jegliche Zielvorgaben gute Vorsätze erfasst werden, sollten vorbei sein. Im nächsten Jahr soll es dann auch Ziele geben. Allerdings werden diese von der DFL nicht weiter quantifiziert. Die Vereine können sich also selbst ihre Ziele setzen und müssen keinerlei Sanktionen bei einer Nicht-Einhaltung fürchten. Das geht einfach nicht weit genug.

Das einfachste Beispiel ist für mich die Einführung von Mehrwegsystemen in Stadien – ein Thema, das wir mit der Deutschen Umwelthilfe stark vorangetrieben haben. Das Abfallaufkommen in Fußballstadien ist riesengroß. Bieten die Stadionbetreiber zum Beispiel bei der Getränkeausgabe Mehrwegbecher an, lässt sich die Müll-Flut ganz einfach stark reduzieren. Sehr viele Vereine setzen das auch schon um, gerade in der ersten und zweiten Bundesliga der Männer fast alle. Aber trotzdem gibt es Klubs wie den FC Schalke 04, die sich nach wie vor quer stellen und nicht verbindlich auf Mehrweg umrüsten. Auch im Frauenfußball und vielen unteren Ligen ist das noch nicht angekommen. Dabei sollte Mehrweg in Stadien wirklich eine state-of-the-art Maßnahme sein, denn viele Vereine zeigen bereits, dass es geht. Das ist keine innovative Idee und die Logistik ist längst vorhanden. So etwas muss heutzutage einfach verbindlich von den Vereinen verlangt werden. Genauso lässt sich das auf viele Beispiel übertragen, etwa in den Bereichen Mobilität und Energieversorgung. Hier sollte es klare Zielvorgaben und Sanktionsmechanismen geben -  am besten indem die einzuhaltenden Ziele an die Lizensierung geknüpft werden. Wer sich nicht an Klimaschutz-Standards hält, darf nicht mitspielen.

Woran liegt es, dass die Branche hier noch so behäbig ist?

Es liegt meiner Meinung nach daran, dass die Branche noch nicht verinnerlicht hat, dass auch Klimaschutz heute eine gesellschaftliche Aufgabe ist. Wenn es um soziale Fragen geht, haben sie das bereits sehr gut erkannt und rufen große inklusive Programme ins Leben, die sich an Jugendliche aller gesellschaftlichen Gruppen richten. Hier sind viele Fußballvereine sehr engagiert und nehmen das auch als ihre Verantwortung wahr. Beim Klimaschutz scheint leider noch nicht angekommen zu sein, dass er natürlich ebenfalls eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist – insbesondere auch von Akteuren wie dem Fußball, der einen großen Hebel in unsere Gesellschaft hat und viele Menschen erreichen kann. Letztendlich sind Fußballvereine auch Unternehmen, die sehr hohe Umsätze und Gewinne einfahren. Vor diesem Hintergrund müssen sie sich natürlich messen lassen an dem, was andere Unternehmen im Klima- und Umweltschutz leisten müssen. Da sich hier freiwillig so wenig bewegt, brauchen wir meiner Meinung nach gesetzliche Rahmenbedingungen. Das betrifft natürlich nicht nur den Fußball, sondern auch alle anderen Sportveranstaltungen und kulturellen Großevents, wo viele Menschen in Stadien und ähnlichen Orten zusammenkommen.

Welche konkreten Maßnahmen sollten jetzt umgesetzt werden?

Es können in vielen Bereichen einige Hebel umgelegt werden. Neben dem Thema Verpackungsmüll, das ich bereits angesprochen habe, können Fußballvereine zum Beispiel auch beim Essen stärker darauf achten, was angeboten wird. Das Ziel muss nicht sein, sämtliches Fleisch in den Stadien sofort abzuschaffen, aber zumindest für pflanzliche Alternativen zum gleichen Preis könnte schnell gesorgt werden. Es gibt hier bereits einige Vorläufer, die etwa vegane Bratwurst anbieten. Auch bei Merchandising-Artikeln und den Trikots können die Vereine viel stärker auf ihren CO2-Fußabdruck und ihre Lieferketten achten. Der FC St. Pauli macht das recht gut vor: Der Hamburger Klub hat nämlich Fairtrade Trikots und strenge Auflagen für die Stoffe und Materialien, die verwendet werden. Auch hier kann natürlich noch viel Verpackungsmüll reduziert werden. Hilfreich ist es auch, möglichst langlebige Produkte anzubieten, die nicht gleich wieder im Müll landen.

Energieversorgung und Wassermanagement spielen ebenfalls eine große Rolle. Um die Stadien herum stehen oft große Flächen zu Verfügung, die zur Erzeugung erneuerbarer Energien genutzt werden könnten. Leider sind darunter oft riesige Parkplätze, die nach wie vor gut gefüllt werden. In der Rasenpflege und dem Stadionbetrieb sollte auf effizienten Wassereinsatz geachtet und Regenwasser aufgefangen werden. Wichtig ist auch die Auswahl robuster Rasensorten, die zu unseren klimatischen Bedingungen passen. Hier hängt natürlich viel von örtlichen Gegebenheiten ab.

Ein weiterer wichtiger Bereich ist die Mobilität: Wie sind solche Stadien erreichbar? Wie komme ich am besten zum Spiel? Vor kurzem war ich an einem Spieltag vor dem Berliner Olympiastadion, das man grundsätzlich sehr gut mit der S-Bahn erreichen kann. Gleichzeitig befindet sich dort aber ein riesengroßer Parkplatz – und der war voll. Auch die Anreise der Fans können die Vereine natürlich zu einem gewissen Grad lenken. Nicht nur indem Anbindungen an den öffentlichen Nahverkehr geschaffen werden, sondern auch indem sie preisliche Anreize setzen. Bei vielen Vereinen ist ein ÖPNV-Fahrschein bereist mit dem Ticketverkauf verknüpft. Natürlich sollten auch mehr Möglichkeiten geschaffen werden, um mit dem Fahrrad zum Stadion zu kommen. Der SC Freiburg macht das beispielsweise schon sehr gut. Auch Fanbusse und Fanzüge könnten viele Vereine stärker mitorganisieren und anbieten, damit sich möglichst wenige Fans in ihre eigenen Autos setzen müssen. Natürlich sollte nicht zuletzt das eigene Flugverhalten unter die Lupe genommen werden. Im Fußball werden leider nach wie vor häufig Kurzstrecken geflogen. Das ist absolut nicht mehr notwendig und sollte tatsächlich abgeschafft werden.

Wichtig ist auch, dass all diese Maßnahmen beworben werden. Gerade auch durch die Spieler und Spielerinnen, denn sie sind Vorbilder und können viele Menschen begeistern. An dieser Stelle würde ich mir wünschen, dass sie mehr Verantwortung übernehmen und ganz aktiv für den Klimaschutz eintreten. 

Sollte ich als Fußballfan ein schlechtes Gewissen haben?

Natürlich nicht! Als Deutsche Umwelthilfe sind wir keineswegs gegen den Fußball, Weltmeisterschaften oder Großveranstaltungen. Es ist mir wichtig, das noch einmal zu betonen. Aber wir sollten immer daran arbeiten, die negativen Auswirkungen solcher Veranstaltungen so gering wie möglich zu halten. Das bei solchen Events ein gewisser Anteil CO2 ausgestoßen wird, lässt sich vermutlich nicht verhindern. Umso wichtiger ist es, immer wieder zu reflektieren: Wie kann ich mich an dieser Stelle möglichst klimafreundlich verhalten. Und das fängt beispielsweise mit der Anreise an.

Wenn es um die WM in Katar geht: Auch da verstehe ich alle Menschen, die den Fußball lieben und die Spiele schauen wollen. Aber vielleicht können wir dieses Jahr auf das ein oder andere Spiel verzichten, sodass wenigstens durch geringe Einschaltquoten deutlich wird: Wir sind nicht einverstanden damit, wie intransparent die FIFA mit dieser Situation umgeht. Denn die FIFA trägt hier die Verantwortung für ein Event der negativen Superlative.

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