Auenwald für die Weser
Junge Menschen pflanzen einen „Auenwald für die Weser“ und erleben so den Weg vom Steckling bis zum Baum. Das Weser-Auenwald-Projekt sensibilisiert Jugendliche für die Schutzbedürftigkeit dieses gefährdeten Lebensraumtyps und schafft kleinräumig neue Auenwaldstrukturen.
Auch an der Weser sind die Auenwälder in den vergangenen Jahrzenten rapide geschrumpft bzw. verdrängt worden. Nur ein winziger Teil von maximal 1 Prozent der ursprünglichen Wälder ist heute noch vorhanden, so dass typische Bäume im Überflutungsbereich fehlen. Auch die Artenvielfalt hat stark abgenommen. Daher sollen wieder gebietsheimische Gehölzbestände entlang der Fließgewässer des Einzugsgebiets der Weser entwickelt werden.
Wir pflanzen einen Auenwald
Mit einem Naturschutz- und Umweltbildungsprojekt spricht das Büro am Fluss – Lebendige Weser e. V. die jüngeren Weseranwohner an: Das Angebot, im kleinen Rahmen an der Verbesserung der fatalen Auenwaldsituation mitzuwirken, schafft ein Bewusstsein für das Problem der schrumpfenden Auenwälder.
„Wir pflanzen einen Auenwald“ ist das zentrale Element des Projekts. Kinder und Jugendliche lernen den noch verblieben Auenwald an der Weser kennen. Sie erkunden typische Gehölzarten des Überflutungsbereichs wie Esche, Flatterulme, Stiel-Eiche, Schwarz-Pappel und verschiedene Weiden-Arten, pflegen sie und ziehen sie auf. Hierbei helfen ihnen speziell für die angesprochene Altersgruppe konzipierte Bestimmungshefte und Pflanzanleitungen. Auf ehemaligen Auenwald-Flächen bringen die Jugendlichen in einer großen Pflanzaktion im Herbst 2011 die selbst aufgezogenen Sämlinge und Stecklinge von Auengehölzen unter Anleitung aus.
Schulprojekt für die Auenwälder
Das Schulprojekt „Wir pflanzen einen Auenwald“ wirbt für die Idee, gebietsheimische Gehölzbestände entlang der Fließgewässer wieder anzusiedeln. Kinder und Jugendliche entwickeln so nicht nur sukzessive strukturreiche naturnahe Auenwäldchen, sondern sorgen zugleich für eine öffentliche Wahrnehmung des Problems und Wissenstransfer. Die jungen Menschen lernen nicht nur einen bedrohten Lebensraum aus biologischer und naturschutzfachlicher Sicht kennen, durch Pflanzungen gestalten sie ihn sogar aktiv mit. Das Projekt-Konzept erlaubt eine Übertragung auf andere Flussgebiete und sieht eine weiterführende Umsetzung der Projektidee durch lokale Gruppen vor.
Auenwald im Bollerwagen – von den Jugendlichen aufgezogene Auengehölze werden in der Aue ausgepflanzt (Foto: Christian Schneider)
Starke Partner für die Weseraue
Das Büro am Fluss – Lebendige Weser e. V. aus Nordrhein-Westfalen engagiert sich seit vielen Jahren in der Umweltbildung, insbesondere mit den Schwerpunkten Fluss und Bach. Durch Bachpatenschaften, Bacherlebnistouren, Floßfahrten und Kanutouren werden Kinder spielerisch und durch aktives Erleben an diesen Lebensraum herangeführt. Die Erlebnisse schaffen eine nachhaltige Verbundenheit, und die Kinder werden über die Schutzbedürftigkeit des Lebensraums Aue aufgeklärt.
Fachlich begleitet wird das Projekt durch die Hochschule Ostwestfalen-Lippe (Prof. Dr. Ulrich Riedl, Fachgebiet Landschaftsökologie). So wurde beispielsweise das Kartierungsprogramm für das Tree Mobile Mapping und die Veranstaltungsserie "Auenwald für die Weser" in Zusammenarbeit mit der Hochschule Ostwestfalen-Lippe erstellt. Zum Austausch und zur Abstimmung von Arten, Material und Umsetzung steht ein begleitender Arbeitskreis zur Verfügung, in dem verschiedene Fachbehörden sowie Landschaftsstationen und Naturschutzverbände vertreten sind.
Beim Tree Mobile Mapping erfassen Jugendliche mit GPS-fähigen Mobiltelefonen die Standorte ausgewählter Gehölzarten und stellen sie auf einer interaktiven digitalen Karte dar. Diese Kartierung informiert die Öffentlichkeit über die an der Weser vorkommenden Auengehölze.
Der besondere Lebensraum Auenwald
Als natürliche Lebensräume von gemeinschaftlichem Interesse sind Auenwälder besonders geschützt (FFH-Richtlinie Anhang I), denn sie zählen zu den produktivsten und artenreichsten Lebensgemeinschaften in Mitteleuropa. Die Wälder der Auen müssen mit einem besonderen Lebensumstand zurechtkommen – den periodisch wechselnden Wasserständen der Flüsse.
Der Rhythmus von Hoch- und Niedrigwasser gliedert die Auenwälder in zwei Zonen: in die ufernahe Weichholzaue und die landseitige Hartholzaue.
Die Weichholz-Auenwälder (prioritärer Lebensraum nach FFH-Richtlinie Anhang I) bestehen vor allem aus Weiden und Schwarz-Pappeln. Ihre Böden sind besonders nährstoffreich, und die Ablagerungen, die der Fluss bei Hochwasser in die Aue einträgt, sorgen für ständigen Nachschub. Die andernorts so ungeliebte Große Brennnessel ist natürlicherweise hier verbreitet. In größerer Distanz zum häufigen Wasserstandswechsel wachsen die Hartholz-Auenwälder mit ihren urigen Eichen, Ulmen, Eschen und Bergahorn. Sie werden nur gelegentlich, bei sehr starkem Hochwasser, überflutet. Auch ihre Böden sind sehr nährstoffreich und lassen Kleb-Labkraut, Giersch und Gundermann üppig wachsen.
Vergangene Auenwälder an der Weser
Die Weser bei Höxter wurde einst gesäumt von weitläufigen Schwemmlandflächen. Geschwungene Flussarme schufen sich eigenmächtig ihren Weg durchs Land, und an den Gewässerrändern wie auch auf kiesigen Flussinseln konnten sich vielschichtige Auenwälder ansiedeln. Regelmäßige Überschwemmungen der Auen sorgten für einen natürlichen Wechsel von Hochwasser und Trockenheit. Solche dynamischen Verhältnisse bieten Lebensbedingungen für eine angepasste Tier- und Pflanzenwelt. Flüsse und Flussauen sind auch heute noch mit rund 12.000 Tier- und Pflanzenarten die artenreichsten Ökosysteme Mitteleuropas; nirgendwo anders findet sich eine solch eindrucksvolle Vielfalt. Auenwälder sind nach der FFH-Richtlinie streng geschützt.
Gezähmter Fluss – zerstörte Auenwälder
Mit diesen paradiesischen Zuständen ist es an den meisten Flüssen schon lange vorbei. Als sich der Mensch entlang der Flüsse ansiedelte, formte er die Auen großflächig auf seine Art. Mit nachhaltigen Folgen: Intensive landwirtschaftliche Nutzung, der Ausbau von Flüssen zu Wasserstraßen, hohe Deiche zum Schutz von Siedlungen und landwirtschaftlichen Flächen sorgten dafür, dass die Flussauen heute kaum noch überflutet werden können und von den ehemals dichten Auenwäldern oft nur mehr wenige, kleinräumige Reste erhalten geblieben sind. Insgesamt kann deutschlandweit nur mehr rund ein Drittel der Auenflächen bei Hochwasser überflutet werden; an den Strömen Rhein, Elbe, Donau und Oder sind es an vielen Stellen sogar nur 10 bis 20 Prozent. Die Folgen: auentypische Lebensgemeinschaften fehlen, und die Artenvielfalt hat deutlich abgenommen.
Die Weser bildet hier bedauerlicherweise keine Ausnahme.
Kontakt
Ulrich Stöcker
Teamleiter Wildnis und Naturkapitalungen
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