Diskussionsforum Ökosystemleistungen

Krise der biologischen Vielfalt: Was können wir in Deutschland von den internationalen Erkenntnissen des Weltbiodiversitätsrates lernen?

9. Oktober 2018, Berlin

© Wittig / DUH

Der Weltbiodiversitätsrat IPBES warnt: Die biologische Vielfalt nimmt in allen Regionen der Welt weiter ab, und damit die Fähigkeit der Natur, zum Wohlergehen der Menschen beizutragen. Dieser alarmierende Trend gefährdet die Wirtschaft, die Lebensgrundlagen, die Ernährungssicherheit und die Lebensqualität der Menschen auf der ganzen Welt. Im Rahmen des "10. Diskussionsforums Ökosystemleistungen" in Berlin wurde der Regionale Bericht zu Biodiversität und Ökosystemleistungen in Europa und Zentralasien und der Bericht zu Landdegradierung und Wiederherstellung nun offiziell für Deutschland vorgestellt und diskutiert, wie seine Botschaften bei nationalen Entscheidungsträgern in Politik, Unternehmen und Gesellschaft mehr Gewicht bekommen könnten.

Die Botschaften des Weltbiodiversitätsrates in seinem „Regionalen IPBES-Bericht zu Biodiversität und Ökosystemleistungen in Europa und Zentralasien“ lesen sich ähnlich alarmierend wie der aktuelle Bericht des Weltklimarates IPCC: Ganze 50 % der regulierenden und einiger immaterieller Ökosystemleistungen in Europa und Zentralasien seien zwischen 1960 und 2016 verloren gegangen. 25 % der landwirtschaftlichen Flächen in der EU sind von Bodenerosion und zurückgehender Fruchtbarkeit betroffen. Die Wasserverfügbarkeit pro Kopf sank seit 1990 um 15 %. 27 % der Arten- und 66 % der Lebensraumtypen weisen einen "ungünstigen Erhaltungszustand" auf, während der Rest als "unbekannt" gilt. Im Wasser ergibt sich ein ähnliches Bild: Nur 7 % der marinen Arten und 9 % der marinen Lebensraumtypen in der EU befinden sich in einem "günstigen Erhaltungszustand".

Die hohe und noch weiter zunehmende Intensität der konventionellen Land- und Forstwirtschaft sei ein wesentlicher Treiber des Rückgangs der Biodiversität; Habitatverschlechterungen, invasive gebietsfremde Arten, Eutrophierung sowie nicht-nachhaltige Fischerei in den Gewässern spielen ebenfalls eine große Rolle. Materielle Leistungen der Natur wie Nahrung und Energie werden auf Kosten von regulierenden Leistungen wie Bestäubung und Bodenbildung u.a. gefördert und ausgebeutet. Doch die Bedeutung des Klimawandels für den Rückgang der Biodiversität nimmt stark zu und dürfte künftig an erster Stelle der Ursachen stehen, mahnen die Autoren.

Das gesammelte Wissen des IPBES bildet eine gute Grundlage, damit der Wert der biologischen Vielfalt in politischen, administrativen und unternehmerischen Entscheidungen in Deutschland stärkere Berücksichtigung findet. Nur wie erreicht man diese Entscheider nun? Das diskutierten die Gäste des 10. "Diskussionsforums Ökosystemleistungen" am 9. Oktober 2018 in Berlin.

Die Veranstaltungsreihe wird partnerschaftlich von der DUH, der 'Biodiversity in Good Company' Initiative (BDGC), dem Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig und dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung ? UFZ durchgeführt. Kooperationspartner am 9.10. waren die Gesellschaft für Ökologie (GfÖ), das Projekt INTERNAS von UFZ und Alfred-Wegener-Institut (AWI) sowie das Netzwerk-Forum zur Biodiversitätsforschung Deutschland (NeFo).

Dr. Stefan Hotes erläuterte die Rolle der GfÖ, die akkreditierter Beobachter der Vollversammlungen bei IPBES und an nationalen IPBES-Prozessen und der Zusammenarbeit mit Ministerien beteiligt ist. Eine wichtige Aufgabe sei die Vermittlung von GfÖ-Wissenschaftlern in den IPBES-Prozess. Nun stehe die Verbreitung und zielgruppengerechte Aufbereitung der Berichte an, wozu die GfÖ in Zukunft weiter beitragen werde.
In der sich anschließenden Diskussion wurde deutlich: Der Zeitpunkt, Aufmerksamkeit für die Ergebnisse des IPBES zu schaffen, ist günstig. Vor allem die bekannten Zahlen des Entomologischen Vereins Krefeld haben einer breiteren Wahrnehmung des Biodiversitätsverlusts die Tür weit geöffnet. Um 75 % ist die Biomasse von Fluginsekten in den letzten 30 Jahren in deutschen Naturschutzgebieten zurückgegangen. Dieser Schwund hat längerfristig auch Auswirkungen auf das Leben der Menschen, denn mit den Insekten schwinden auch deren Ökosystemleistungen wie Bestäubung und Schädlingskontrolle.

Erst kürzlich zeigten Göttinger Forscher, dass die Leistung der vielen Bienenarten bei Erdbeeren einen um 54 % höheren Handelswert ergäbe als bei Selbstbefruchtung. Allein für in der EU verkaufte Erdbeeren sei die Insektenbestäubung jährlich gut eine Milliarde Euro wert. Drei Viertel der Nahrungspflanzen der Welt hängen von der Bestäubung ab, was einem Gegenwert zwischen 235 und 577 Mrd. US-Dollar entspricht, fasste IPBES in seinem ersten Bericht 2016 zusammen.

Dies ist ein seltenes Beispiel, wo der wirtschaftliche und gesellschaftliche Wert der biologischen Vielfalt in harter Währung sichtbar wird. Die meisten Ökosystemleistungen haben jedoch keinen Marktwert und bleiben deshalb unerkannt, ihr Verlust verursacht Kosten, die in politischen und unternehmerischen Entscheidungen kaum Berücksichtigung finden.

Können die Berichte des IPBES daran etwas ändern? Information und Aufklärung allein reiche jedenfalls nicht, war eine wichtige Botschaft des Abends. Es bedürfe Allianzen und Vorreiter in den Reihen der zu überzeugenden Akteure. Oft würden evidenzbasierte Fakten aus einer politischen Haltung heraus ignoriert. Strategien seien aus der Politikforschung zu anderen Themenbereichen der Umweltpolitik lange bekannt.

„Es darf sich nicht mehr lohnen, gegen das Klima und die Biodiversität zu wirtschaften“, meinte dementsprechend Dr. Elsa Nickel, Leiterin der Abteilung Naturschutz im Bundesumweltministerium. „Wir brauchen vielmehr neue Modelle, damit Unternehmen von Biodiversität schonendem Wirtschaften auch etwas haben“. Ein wichtiger Player, der oft vergessen würde, sei hier auch die Finanzwirtschaft.

„Allerdings sind IPBES-Berichte aus Sicht der meisten Unternehmen zu weit von der unternehmerischen Realität entfernt und müssen auf Themen wie Lieferketten, Ressourcenbeschaffung etc. heruntergebrochen werden“, sagte Dr. Katrin Reuter, Leiterin Geschäftsführerin der BDGC. Biodiversität sollte für Unternehmen in Naturkapital übersetzt werden und müsse in die unternehmerische Risikoabschätzung einfließen. Wichtig für Unternehmen seien nicht nur Erkenntnisse zum gegenwärtigen Stand der biologischen Vielfalt, sondern auch Ergebnisse der Risiken- und Folgenforschung.

Diese Ursachen für Landdegradierung und Biodiversitätsverlust sind unmittelbar mit unserer aktuellen Lebens- und Konsumweise verbunden. Westeuropäer verbrauchen laut IPBES mehr nachwachsende Rohstoffe als die Region produziert: 5,1 Hektar ist der ökologische Fußabdruck pro Kopf, 2,2 Hektar stehen jedoch nur jedem zu. Westeuropäer sind also auf Nettoimporte angewiesen.

Aletta Bonn, Professorin für Ökosystemleistungen am UFZ sowie am iDiv merkte an, dass Landdegradierung ein weltweites Problem sei. „3,2 Milliarden Menschen sind derzeit davon betroffen, jährlichen entstehen dadurch Kosten von 10 % des Bruttoweltproduktes. Investitionen in Verbesserungen lohnen sich, denn der daraus entstehende Nutzen kann den Wert der Kosten um bis zum 10-Fachen übersteigen.“

Eine Transformation zu einer global nachhaltigen Gesellschaft, wie in den UN-Nachhaltigkeitszielen festgeschrieben, ist also unumgänglich. Und der IPBES-Bericht zu Europa und Zentralasien ermutigt zum Handeln: „Wir kennen die Möglichkeiten, den Verlust zu stoppen und natürliche Ressourcen nachhaltig zu nutzen“, schreiben die Autoren. Es gebe viele Beispiele für nachhaltige land- und forstwirtschaftliche Praktiken, die der biologischen Vielfalt und dem Beitrag der Natur für die Menschen in der Region zugutekommen. Ein weiteres Wirtschaftswachstum könne allerdings nur dann eine nachhaltige Entwicklung ermöglichen, wenn es von der Degradierung der biologischen Vielfalt und der Fähigkeit der Natur, einen Beitrag für die Menschen zu leisten, entkoppelt wäre, was tiefgreifende politische Veränderungen und Steuerreformen auf globaler und nationaler Ebene erfordere.

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