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Ein Tag im Oder-Delta

Montag, 20.03.2017

Unsere Naturschutz-Expertinnen Suleika Suntken und Katrin Schikorr reisten im Winter an die Flüsse Polens ins Oder-Delta und trafen auf Fische während ihrer Winterwanderung. Ein Blogbeitrag.

© Katrin Schikorr/DUH

Mitte November kommen meine Kollegin Suleika Suntken und ich, Katrin Schikorr, bei herrlichem Sonnenschein in der kleinen polnischen Stadt Stepnica am östlichen Ufer des Stettiner Haffs an. Dort treffen wir unseren Projektpartner Artur Furdyna. Er ist Fisch-Ökologe und Spezialist für Fluss- und Feuchtgebietsrenaturierungen und Experte, wenn es darum geht, Wasserwege für wandernde Fischarten wie Lachs, Meerforelle -und Stör zu vernetzen. Wir sind gespannt, hat er uns doch ein spektakuläres Natur-Schauspiel angekündigt - Schwärme von wandernden Fischarten, die in die Flüsse Gowienica, Ina und Wołczenica zum Laichen einschwimmen.

Die Gowienica ist einer der ins Stettiner Haff mündenden Hauptströme auf polnischer Seite. Während die Biodiversität am Fluss immer noch hoch ist und sich große Teile im naturbelassenen Zustand befinden, könnte die gesamte ökologische Situation besser sein. Mehrere Renaturierungsmaßnahmen sind bereits im Gange.

Bereits seit 1998 arbeitet unser Partner Artur Furdyna gemeinsam mit der Association of Friends of The Ina and The Gowienica Rivers (TPRIIG) zum Schutz der Fischpopulationen in den Füssen Ina und Gowienica. Sein Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Flussökologie, der Begrenzung der Fischwilderei und einem nachhaltigeren Fließgeswässermanagement im Einklang mit der Wasserrahmenrichtlinie.

© Katrin Schikorr;Ann-Kathrin Marggraf

 

Auf leisen Sohlen durch den Wald

Bei unserer Ankunft am Fluss verzieren leuchtende Herbstfarben die Landschaft. Vorsichtig nähern wir uns dem sich durch einen Wald schlängelnden Fluss Gowienica. Aus Angst die Fische zu verschrecken, schleichen wir uns ganz langsam, möglichst geräuscharm heran. Artur ist hier in seinem Element – arbeitet er doch schon seit über 20 Jahren daran, die Laichplätze für Äsche, Groppe und andere geschützte Fischarten zu verbessern. Dank seiner Bemühungen wurde vor kurzem der ökologisch wichtigste Teil der Gowienica zwischen Babigoszcz und Widze?sko für Angler als "No Take Zone" ausgewiesen – hier ist Angeln verboten.

Artur watet durch den Fluss und hält seine Kamera bereit. Er weiß genau, wo er die Kamera zu platzieren hat, um die kurz vorm Ablaichen stehenden Fische zu beobachten. Nachdem er mehre Stellen geprüft hat, scheint er unzufrieden - wo sind die Fische? Im Wasser sollte es eigentlich zu dieser Jahreszeit vor laichenden Fischen nur so wimmeln.

Bevor wir wieder abfahren, halten wir noch an einer Brückenbaustelle an und Artur prüft den Status der laufenden Arbeiten. Obwohl er beantragt hatte, dass die Bauarbeiten im Sommer stattfinden, begann der Bau erst im Herbst. Vielleicht hat die Baustelle die Fische in ihrer Wanderung gestört?

Am nächsten Tag haben wir erneut Glück mit dem Wetter, aber immer noch keines mit den Fischen. Wir filmen eine männliche Meerforelle mit einer teilweise eingeschnittenen Schwanzflosse, die Artur von früheren Begegnungen wiedererkennt. Aber auch an diesem Tag scheint er enttäuscht. Sind wir zu früh in der Saison? Ist der Brückenbau ein Problem? Sind Wilderer hier illegal unterwegs? Einige Fragen bleiben ungeklärt. Leider müssen wir heute wieder abreisen.

© Katrin Schikorr

 

Überraschung am Teufelsgraben

Zwei Wochen später begehen Artur und ich einige kleine ins Stettiner Haff mündende Nebenflüsse auf der deutschen Seite. Hier planen wir in Kooperation mit dem Staatlichen Amt für Landwirtschaft und Umwelt Flusslebensräume für die wandernden Fischpopulationen zu verbessern. Insbesondere einen kleinen Nebenfluss namens Teufelsgraben untersuchen wir. Er mündet bei Rieth in den Neuwarper See, nur einen Steinwurf von der polnisch-deutschen Grenze entfernt.

Der Teufelsgraben wurde vor rund 200 Jahren gebaut, um den vier Kilometer weiter südlich gelegenen Ahlbecker See abzulassen. Das ehemalige Seengebiet ist heute ein geschütztes Feuchtgebiet. Trotz seines ursprünglichen Kanalcharakters beherbergt der Teufelsgraben eine wertvolle Biodiversität und hat gutes Potential für ökologische Verbesserungen.

Und dann hält der Teufelsgraben noch eine wunderbare Überraschung bereit: Unterhalb einer Straßenbrücke können wir endlich das spektakuläre Schauspiel beobachten, das Artur so lange angekündigt hatte - Tausende und Abertausende von juvenilen Barschen und Plötzen! Die Wasseroberfläche blubbert regelrecht von vielen silbergrauen Körpern, wobei jeder Fisch um seinen Weg flussaufwärts kämpft.

Die Fischkonzentration ist überwältigend und bald sehen wir auch warum. Die Strömung in diesem Bereich ist aufgrund eines Betontunnels unter der Brücke enorm stark. Da Raststellen auf dieser Strecke fehlen, haben die Fische fast keine Chance, diesen Abschnitt zu durchschwimmen und werden immer wieder zurückgeschleudert.

Zwei nahegelegene Flüsse - die Gowenieca und der Teufelsgraben – beide mit künstlichen Hindernissen, die die wandernden Fischpopulationen an ihrem Zug hindern. Artur Furdyna ist schnell dabei, einfache Änderungen vorzuschlagen, um die Situation zu verbessern und wir kommen überein, die Renaturierungsarbeiten am Teufelsgraben zu unterstützen. Viel Arbeit steht bevor, auch um Antworten und Lösungen für die noch offenen Fragen zur Gowenieca zu finden.

Mehr über unsere Arbeit zur Wildnis im Stettiner Haff

Die Arbeit der Deutschen Umwelthilfe zur nachhaltigen Fischereiwirtschaft wird unterstützt von Krombacher.

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