Unvergleichliche Artenvielfalt an der Ostsee!

Wilde Natur am Stettiner Haff

An der Ostseeküste zwischen Polen und Deutschland befindet sich ein ganz besonderes Kleinod. Das Stettiner Haff beherbergt eine Lebensraumvielfalt, die es so in Mitteleuropa kaum noch gibt. Vielfältigste Lebensräume treffen hier im Oder Delta aufeinander: Buchenwälder auf Steilküsten, riesige Flussdeltas, Auwälder, ausgedehnte Moore, trockene Heidelandschaften und großflächige Wälder mit Seen reihen sich wie eine Perlenkette rings um die Wasserflächen des Haffs.

Seeadler, Elch, Wolf, Biber und Lachs leben hier. Die Kegelrobbe siedelt sich gerade wieder an, und nur 50 km östlich ziehen sogar mehrere Herden des Wisents, der europäischen Schwesterart des amerikanischen Bisons, vollkommen frei durch die Ebenen Westpommerns. Dazu ist das Stettiner Haff ein beliebter Rastplatz für Zugvögel aus dem Norden, die auf dem Ostatlantischen Vogelzugweg, dem "East Atlantic Flyway", zwischen ihren Brutgebieten und Winterquartieren pendeln.

© Staffan Widstrand/ Wild Wonders of Europe

Die Initiative "Rewilding Europe Oder Delta"

Gleichzeitig bedroht intensive Landnutzung die einmalige Artenvielfalt in der Region. Landbesitzer gehen heute vielfach dazu über, intensiv gedüngte Maisäcker anzulegen, weil Mais infolge der Förderung über das Erneuerbare-Energien-Gesetz in Deutschland zu sehr hohen Preisen absetzbar ist. In großflächigen Niedermoorgebieten sollen Windparks entstehen, die zum Beispiel Schreiadler, Rotmilan, Seeadler, Schwarzstorch, Wachtelkönig und andere Vogelarten sowie Fledermäuse erheblich gefährden.

Bereits heute ist das Stettiner Haff ein beliebtes Ziel für Ornithologen und Naturfreunde Naturerlebnisse in der Haff-Region eröffnen einer strukturschwachen Region neue Einnahmequellen – besonders, wenn Besucher auf hoch attraktive Tierarten treffen. Die Initiative „Rewilding Europe Oder Delta“ möchte deshalb Naturschutz und Wildnisflächen mit positiven ökonomischen Effekten für die Region verbinden.

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Ein Ziel der Initiative ist es, Wildnis mit dem Erhalt halboffener Landschaften zu kombinieren und darauf angewiesene Tier- und Pflanzenarten zu fördern. Große Pflanzenfresser wie Elche, Rothirsche und Wisente sollen dabei helfen. Der Elch ist bereits in Polen und Deutschland ganzjährig geschützt und beim Rothirsch könnte die Einrichtung von Jagdruhezonen dabei helfen, ihn tagaktiv zu erleben. Der relativ kleinen wild lebenden Wisent-Population in Westpolen lässt sich möglicherweise mit gezielten Wiedereinbürgerungen helfen. Das Konzept der halboffenen Weidelandschaft hat die DUH bereits im Wulfener Bruch an der Elbe praktiziert, allerdings meist mit halbwild lebenden Rindern und Pferden. Neu für Mitteleuropa ist es, dieses Konzept auch mit Wildtieren zu testen.

Hierzu hat die DUH in einem durch das BfN/BMUB geförderten einjährigen Entwicklungs- und Erprobungsvorhaben gemeinsam mit ihren Partnern vor Ort modellhaft Methoden und Instrumente zur ökonomischen Inwertsetzung von Natur- und insbesondere Wildnisgebieten am Stettiner Haff entwickelt.

Wildnisentwicklung am Stettiner Haff

© Staffan Widstrand / Rewilding Europe

In der durch das BfN/BMUB geförderten Machbarkeitsstudie wurden im Zeitraum November 2013 – Oktober 2014 sozioökonomische, touristische und naturschutzfachliche Aspekte analysiert, erste geeignete Flächen identifiziert und ein Wertschöpfungsmodell entwickelt.

Ziel der sozioökonomischen Analyse war es, Gemeinden im Untersuchungsgebiet zu identifizieren, in denen eine Kombination aus Wildnisentwicklung und -tourismus die sozioökonomische Entwicklung stärken könnte. Die naturtouristische Analyse erstreckte sich auch auf die polnische Seite des Stettiner Haffs und stellt das gesamte derzeitige touristische Angebots- und Nachfragevolumen dar. Als Hauptzielgruppen wurden identifiziert: Ornithologen, Astronomen und Naturfotografen. Parallel zur sozioökonomischen Prüfung hat die naturschutzfachliche Analyse aufgezeigt, wo Potentialräume für eine Wildnisentwicklung auf Grundlage freiwilliger Vereinbarungen liegen könnten.

Im Rahmen der Überlegungen, wie sich Wildnisentwicklungsgebiete finanzieren lassen, wurde ein Wertschöpfungsmodell entwickelt. Grundgedanke ist es, positive ökonomische Effekte zu erzielen, indem hochwertige saisonunabhängige Naturerlebnisangebote in den bereits bestehenden großflächigen naturnahen Gebieten am Haff entwickelt werden, die eine Kombination aus Naturbeobachtung, hochwertiger Küche sowie einer behaglichen Unterkunft bieten. Diese Angebote sollen von qualifizierten Naturerlebnisführern begleitet werden, sog. „Local Guides“, so dass mit steigenden Gästezahlen das Potential für ein neues Berufsbild und neue Arbeitsplätzen in der Region entsteht und gleichzeitig eine effektive Besucherlenkung gesichert ist. Der Local Guide stellt die Schlüsselfigur dar, er agiert als persönlicher Kontakt in der Landschaft und ist ein wesentlicher Faktor für das Finanzierungsmodell zur Mehrung von Wildnisflächen und für die dauerhafte Erlebbarkeit der wachsenden Naturausstattung des Gebietes.

Voraussetzung für die praktische Umsetzung und den Erfolg des Vorhabens ist die Wahrnehmung der Chance durch die Akteure vor Ort, dass sich Wildnisentwicklung und wirtschaftliche Perspektive für die Region gegenseitig ergänzen können. Eine kontinuierliche Netzwerkbildung und eine Ansprache mithilfe des Konzepts der Landschaftskommunikation, in die Landeigentümer und -nutzer, Jäger und Fischer, Gemeindevertreter, das Land Mecklenburg-Vorpommern und der Landkreis Vorpommern-Greifswald gleichermaßen eingebunden wurden, sowie öffentliche Workshops haben zum Verständnis und zur Akzeptanz erheblich beigetragen.

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