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Streng geschützte Fischotter in Bayern zum Abschuss freigegeben

Donnerstag, 02.04.2020

In Bayern dürfen in einem Pilotprojekt regional begrenzt Fischotter „entnommen“, also getötet werden. Das widerspricht der europäischen Rechtsprechung. Wie ist das zu erklären? Antworten gibt der Biologe Dr. Reinhard Klenke im Interview.

© Klenke

Noch am 14.2.2020 kritisierten wir die Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes (BNatSchG), weil sie nicht nur für den Wolf, sondern auch für andere geschützte Arten den Weg für den Abschuss ebnet. Nur kurze Zeit später wurde jetzt bekannt, dass in Bayern in einem Pilotprojekt regional begrenzt Fischotter „entnommen“, also getötet werden dürfen. Die Tötung von Fischottern widerspricht der europäischen Rechtsprechung. Der Fischotter steht in Bayern und Deutschland auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten. Dagegen regt sich auch Protest unter Expert*innen. Fünfzehn von ihnen haben eine kritische Stellungnahme zum Thema verfasst, darunter auch unsere Kollegin Christin Hildebrandt, die in Sachsen-Anhalt gerade daran arbeitet, die Tötung von Fischottern im Straßenverkehr zu reduzieren.

Wir haben mit Dr. Reinhard Klenke, einem der Initiatoren der Stellungnahme, gesprochen.

In Bayern dürfen jetzt regional begrenzt wieder Fischotter getötet werden. Warum?

Die Regierung der Oberpfalz will ein Pilotprojekt an drei Fischzuchtanlagen umsetzen. Jäger sollen Fallen aufstellen, um Fischotter einzufangen und sechs Männchen zu erschießen. Die Idee ist, dass dadurch Schäden für die Teichwirte abgewendet werden können. Bayern hat einen ganzen Maßnahmenkatalog, den Fischotter-Managementplan, um solche Schäden zu reduzieren. Schon vor zwei Jahren hat der Bayrische Landtag auf Antrag der CSU beschlossen, dass die Entnahme als zusätzliches Instrument in diesen Managementplan aufgenommen werden soll, das ist aber noch nicht geschehen.

Mit einer Stellungnahme haben Sie zusammen mit weiteren Fischotterexpert*innen u. a. gegenüber dem Bayrischen Umweltministerium, den Regierungen in Nieder- und Oberbayern und den Fraktionen im Bayrischen Landtag Ihren Protest bekundet. Warum?

Ich bin nicht grundsätzlich gegen die Entnahme als Instrument, um Schäden durch Wildtiere zu reduzieren. Unter bestimmten Bedingungen kann der Abschuss einzelner Tiere notwendig sein. Das Problem ist, dass hier keine fachlich fundierte Entscheidungsgrundlage für den Abschuss vorbereitet wurde. Die Erfahrungen und Ergebnisse verschiedener Forschungsprojekte aus anderen Teilen Deutschlands wurden nicht berücksichtigt. Auch gibt es Analyse- und Modellierungsmethoden, um die Problemursachen besser zu verstehen und die Folgen des Abschusses besser abzuschätzen. Diese wurden hier aber nicht angewendet. Stattdessen argumentieren die Befürworter, dass sie formal korrekt handeln, weil sie einen Landtagsbeschluss umsetzen. Dieser Beschluss wiederum ist zustande gekommen, weil die Lobby der Teichwirtschaft sich bei der Politik erfolgreich für eine Entnahme eingesetzt hat. Wir brauchen aber keine lobbygetriebene, sondern eine wissenschaftlich abgesicherte Naturschutzpolitik.

Sind die Fischotter Schuld an der wirtschaftlichen Lage der Teichwirte?

Prinzipiell sind die Fischotter nicht schuld. Ihre Rückkehr trifft die Teichwirte aber in einer schwierigen sozioökonomischen Situation. Globale Lieferketten ermöglichen heute – unter Ausnutzung geringer Transportkosten, niedriger Löhne und der Währungsgefälle – ein großes Angebot an billigen Fischprodukten im Supermarkt. Die regionale Fischzucht führt dagegen ein Nischendasein. Das sah früher anders aus. Fisch konnte nur schlecht transportiert werden und war eine wichtige Eiweißquelle, auch religiös bedingt. Wir brauchen da nur an die Fastenzeit denken, in der kein Fleisch, wohl aber Fisch gegessen werden durfte. Übrigens auch Biber und Fischotter, die galten nämlich auf Grund ihrer wassergebundenen Lebensweise ebenfalls als „Fisch“.

Wie viel Fisch verlieren Teichwirte an den Fischotter? Gibt es hierzu verlässliche Zahlen?

Um die Schäden durch Fischotter zu beziffern, kommt man um eine Einzelfall-Analyse nicht herum. Allgemeingültige Daten gibt es nicht. Die Schadenshöhe ist stark von den regionalen Gegebenheiten abhängig. Auch andere Verlustursachen, etwa durch Fischkrankheiten oder einige Vogelarten, spielen eine Rolle. Fraßschäden durch den Fischotter können sich im Bereich von wenigen Prozent bis zu 100 % Ertragsverlust bewegen. Letzteres betrifft vor allem kleine isolierte Teiche und sogenannte Hälteranlagen. Hier werden viele Fische auf kleinem Raum gehalten, etwa vor dem Verkauf oder zur Überwinterung der Zuchttiere. Oft wird auch ein Zusammenhang zwischen jagenden Fischottern und Stress hergestellt, wodurch es zu Gesundheits- und Produktivitätseinbußen im Fischbestand kommen soll. Dafür gibt es nach meiner Kenntnis keine gesicherten Hinweise, geschweige denn valide Daten aus Forschungsprojekten. Die Witterung allerdings hat nachweislich einen Einfluss. In starken Wintern kann es vorkommen, dass Fischotter über weite Strecken an die wenigen eisfreien Gewässer der Region ziehen. Auch ihr Bestand erleidet dann oft hohe Verluste, weil auf den Wanderungen viele Tiere im Straßenverkehr verenden oder auch verhungern – auch ganz ohne Entnahme durch Jäger.

Wie stellt sich die Situation an Fließgewässern dar?

Auch hier gibt es ja Konflikte, besonders im Alpenraum. Saubere, nährstoffarme Fließgewässer in Gebirgsregionen haben eine ohnehin nur sehr geringe Produktivität, hier wachsen also nur wenige Fische heran. Oft steuern Fischereivereine mit Besatzfischen dagegen, obwohl sich in vielen fischereilichen Untersuchungen gezeigt hat, dass das auch keine Lösung ist. Tatsächlich ist der Otter in diesem Lebensraum jedem menschlichen Fischer überlegen. Es sollte der Angelfischerei daher nicht um hohe Fangmengen, sondern um das „Teilen auf niedrigem Niveau“ gehen. Die Otter fressen aber keineswegs den gesamten Bach leer. Die Fische weichen dem Jagddruck aus und wandern in andere Bereiche ab. Insgesamt stellt sich dann ein Gleichgewicht aus Jagddruck und Fischdichte ein. Darum sind Fischotter so hochmobil. Das haben viele Forschungsprojekte gezeigt, in denen die Tiere mit Funksendern versehen wurden. Für diese hochmobile Lebensweise des Fischotters sind die Fließgewässer überlebenswichtig – sie dienen ihm nicht nur als Nahrungsquelle, sondern auch als „Verkehrsadern“, die die Verbindung isolierter Lebensräume sichern und die Wiederbesiedlung früherer Verbreitungsgebiete ermöglichen.

Welche Möglichkeiten gibt es, um Teichwirte vor wirtschaftlichen Schäden zu schützen?

Es gibt eine ganze Reihe von Möglichkeiten, deren Erfolg jedoch von vielen Faktoren abhängt. Ohne Kenntnis des Einzelfalls ist es schwer, Empfehlungen zu geben. Generell ist die Größe der Anlagen ein wichtiger Faktor. Kleine Hälteranlagen und Teiche, in denen der Fraßdruck besonders groß ist, können mit Zäunen abgesichert werden. An manchen Anlagen wurden zudem gute Erfahrungen in der Kombination von Ausgrenzung und Ablenkung gemacht. Dabei werden naturnahe Teiche als sogenannte Ablenkteiche mit Wildfischen besetzt. Sie sichern nicht nur das Überleben der Fischotter auf einem guten, aber nicht zu hohen Populationsniveau, sondern auch das vieler anderer seltener Tier- und Pflanzenarten. Die Produktionsteiche hingegen werden durch Zäune unzugänglich gemacht. In großen Teichen finden Fischotter meist schlechtere Jagdbedingungen vor. Die Fische können besser ausweichen und die Verluste sollten hier deshalb geringer ausfallen. Ein weiterer Faktor ist, ob die Maßnahme vom Teichwirt akzeptiert wird. Wer davon ausgeht, dass sich der Aufwand lohnt, ist motivierter, die Maßnahme auch richtig umzusetzen. Dazu wiederum gehört neben Investitionen in Zäune auch Arbeitsaufwand, z. B. für regelmäßige Zaunkontrollen. Diese Kosten sind ein weiterer ausschlaggebender Faktor. In einigen Bundesländern, unter anderem auch in Bayern, können Fördermittel für Zäune beantragt werden.

Warum sollte es Naturschützer*innen kümmern, ob Teichwirtschaften erhalten bleiben?

Die Teichwirte leisten einen wichtigen Beitrag zur Pflege und zum Erhalt von Lebensräumen, die nicht nur für den Fischotter, sondern auch für viele andere Pflanzen- und Tierarten von großer Wichtigkeit sind. Das gilt vor allem für traditionelle, meist extensiv bewirtschaftete Teichanlagen mit natürlichem Bewuchs und guter Einbettung in die Landschaft. Diese haben auch einen wichtigen Erhohlungswert für die Menschen. Die Pflegeleistung sollte nicht nur anerkannt, sondern auch adäquat honoriert werden. Dann kann sie eine zusätzliche, stabile Einkommensquelle für den Teichwirt sein. Auch dafür liegen mittlerweile viele schriftlich dokumentierte Forschungsergebnisse und Erfahrungen in der deutschen und internationalen Literatur vor, die Eingang in die Politik und Praxis finden sollten.

Welche Folgen hat die Tötung einzelner männlicher Tiere für die Entwicklung der Fischotter-Population?

Die bayrischen Fischotter bilden den Rand eines größeren Verbreitungsgebietes. Innerhalb dessen wandern Tiere aus den produktiveren Teilen in Sachsen, der Tschechischen Republik und Österreich ab, wenn die geeigneten Lebensräume dort „besetzt“ sind. Die Ausbreitung in Bayern ist folglich die Voraussetzung dafür, dass von hier aus weitere geeignete Fischotter-Lebensräume in Hessen und Baden-Württemberg wieder besiedelt werden können. Zugleich ist anzunehmen, dass die gezielte Tötung einzelner Tiere an Fischzuchtanlagen kaum einen nachhaltigen Effekt für die beklagten Schäden haben wird. Jede Lücke im bayrischen Bestand wird sehr wahrscheinlich durch nachrückende Tiere aus dem Osten wieder aufgefüllt.

Wie sicher sind diese Aussagen?

Die Auswirkungen können im Moment nur grob aus dem, was wir über die Art und ihre Verbreitung wissen, hergeleitet werden. Es fehlt ein wissenschaftliches Modell, das die Fischotter-Population regional und überregional möglichst gut abbildet. Damit ließen sich die Folgen lokaler Management-Maßnahmen durchspielen und abschätzen. Für die sächsische Fischotter-Population wurde das 2006 gemacht. Das Ergebnis: Die Zunahme der Fischotter reichte keineswegs aus, um neben den Verlusten im Straßenverkehr eine stabile Erhaltung der Art über lange Zeit sicherzustellen. Dieser stabile Erhaltungszustand aber ist die Grundvoraussetzung, um bei einer bereits einmal fast ausgerotteten Art die Entnahme von einzelnen Tieren zu rechtfertigen.

Wie könnte eine Lösung aussehen, die den Konflikt um den Fischotter entschärft?

Zum einen müssen umfassende Daten für ein Populationsmodell erhoben werden, um eine wissenschaftliche Grundlage für naturschutzverträgliche Maßnahmen zu liefern. Auch die ökonomische Situation der Teichwirte und die verschiedenen Einflüsse hierauf sollten analysiert werden. Wenn der Fischotter nämlich nur das Tüpfelchen auf dem i, aber nicht der Hauptgrund für ihre Probleme ist, führt seine Bekämpfung nur zu Mehrkosten, nicht zu der erhofften Lösung. Zudem braucht es in solchen Konfliktfällen Mediatoren, die zwischen den berechtigten Interessen der verschiedenen Seiten vermitteln. Bayern ist hier mit dem Einsatz von Fischotter-Beratern, übrigens auch ein Instrument des Fischotter-Managementplans, auf einem guten Weg.

Auch andere Arten kehren zurück. Gerade scheinen viele alte Konflikte mit Wildtieren wieder aufzubrechen. Wie gehen wir in Zukunft besser damit um?

Konflikte zwischen dem Schutz seltener Arten und der Nutzung von Ökosystemen sollten wir künftig nicht mehr für jede Art einzeln „managen“. Wir brauchen ein integratives Vorgehen: Maßnahmen müssen aus aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu unterschiedlichen Artengruppen und Konfliktursachen hergeleitet und auf einander abgestimmt werden. Dafür brauchen die Fachbehörden deutlich mehr Personal, das zudem nicht nur verwaltungstechnisch, sondern auch im Umgang mit modernen biologischen und mathematischen Methoden ausgebildet sein muss. Erst auf der Basis valider Daten sowie methodischer, aber auch ethischer Grundlagen können wir in Naturschutz und Planung wohlbegründete Sachentscheidungen treffen.

Dr. Reinhard Klenke ist Biologe und hat gemeinsam mit Kollegen am Umweltforschungszentrum in Leipzig von 2003 bis 2006 das EU-Projekt FRAP betreut. FRAP steht für "Framework for Biodiversity Reconciliation Action Plans“ und hatte zum Ziel, ein allgemein anwendbares Verfahren zu entwickeln, um Konflikte zwischen dem Biodiversitätsschutz und der Nutzung biologischer Ressourcen durch den Menschen zu lösen. Dr. Klenke forscht insbesondere zu Fragestellungen der Populations- und Verhaltensökologie von Säugetieren und Vögeln, also wie diese Tierarten sich vermehren, ausbreiten und was ihre Bestandsgröße und Widerstandskraft beeinflusst. Er ist Mitglied der AG Fischotter Deutschland und der internationalen Otterspezialistengruppe des IUCN (IUCN otter specialist group).

Die DUH stellt im Rahmen eines Projekts Informationen und Erfahrungsberichte zu naturschutzgerechten Abwehrmaßnahen und Fördermöglichkeiten in Deutschland zusammen. Daraus erstellen wir Handlungsempfehlungen, die wir Behörden und Teichwirten in Fischotter-Wiedereinwanderungsländern wie Thüringen zur Verfügung stellen werden. 

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