Wieso nachhaltige Ernährungsentscheidungen wichtig sind – und uns trotzdem so schwerfallen

Der Fleischkonsum in Europa ist doppelt so hoch wie der weltweite Durchschnitt, und der Milchkonsum sogar dreimal so hoch. Darunter leidet nicht nur die Umwelt, sondern auch unsere eigene Gesundheit. Obwohl diese Zusammenhänge in Wissenschaft, Politik und der breiten Bevölkerung bekannt sind, treffen wir immer noch täglich Konsumentscheidungen, die nicht nachhaltig sind. Wieso ist das so, und wie können uns pflanzliche Ernährungsumgebungen dabei helfen, unser Verhalten zu ändern?

Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: 70 Prozent des Verlustes an biologischer Vielfalt und 80 Prozent der Entwaldung werden auf die Landwirtschaft zurückgeführt.35 Prozent der menschengemachten Treibhausgas (THG)-Emissionen entstehen bei der Produktion von Lebensmitteln. Über die Hälfte (59 Prozent) der Emissionen aus der Lebensmittelproduktion weltweit werden durch tierische Lebensmittel verursacht, während der Anteil von pflanzlichen Lebensmittel gerade einmal bei 29 Prozent liegt  (Xu et al. 2021). 

Auch in Deutschland sieht es nicht viel besser aus: im Jahr 2021 war die Landwirtschaft für 7 Prozent der THG-Emissionen des Landes verantwortlich. Dabei lassen sich rund 36 Mio. Tonnen CO2-Äquivalente (das sind 66 Prozent der Emissionen der Landwirtschaft und knapp 5 Prozent an den Gesamtemissionen Deutschlands) allein auf die direkte Tierhaltung zurück-führen (UBA 2022a). Es ist also kaum verwunderlich, dass nach Meinung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) die Einhaltung des 2-Grad-Limits des Pariser Klimaabkommens nur bei einer Halbierung der Tierzahlen möglich ist (Agra-Europe 2022). 

Doch nicht nur dem Klima und der Umwelt, auch uns selbst tun wir mit einer ausgewogeneren und stärker pflanzenbasierten Ernährung etwas Gutes. Die negativen Auswirkungen der industriellen Tierhaltung und eines hohen Konsums tierischer Lebensmittel auf unsere Gesundheit sind vielfach nachgewiesen. Industrielle Massentierhaltung und hoher Fleischkonsum stehen in Verbindung mit Antibiotikaresistenzen (Mughini-Gras et al. 2019; BfR 2021) , Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Micha et al. 2010) und einem steigenden Risiko für Zoonosen und Pandemien (Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestag 2020), um nur einige Beispiele für diese Wechselwirkungen zu nennen. 

Wir alle haben die Argumente gegen Fleischkonsum schon mal auf die ein oder andere Art gehört. Ein großer Teil der Bevölkerung ist auch motiviert, sich gesünder und pflanzenbasierter zu ernähren (Friedrichsen und Gärtner 2020). Und trotzdem konsumieren wir immer noch deutlich mehr Fleisch als für die Umwelt und uns gut wäre. Maximal 300 Gramm Fleisch pro Woche maximal empfiehlt die EAT-Lancet-Kommission in ihrer Planetary-Health-Diet, einer von internationalen Wissenschaftler:innen entwickelten Ernährungsempfehlung, die die die Gesundheit des Menschen und der Erde gleichermaßen schützen soll (Willert und Rockström 2019). Der durchschnittliche Konsum in Deutschland ist allerdings viermal höher als diese Empfehlung und liegt bei 1,2 Kilogramm pro Person und Woche (Agra-Europe 2022).

Natürlich steht es jeder Person frei, was sie wann wie konsumiert. Zugleich ist es bewiesen, dass unser Einkaufs- und Essverhalten auch maßgeblich von äußeren Faktoren geprägt wird (Friedrichsen und Gärtner 2020). So verleiten geschickt platzierte Angebote und Werbung für Billigfleisch ebenso wie Restaurant-Speisekarten, auf denen gleich oben zahlreiche Fleischgerichte angepriesen werden, häufig zum Fleischkonsum, auch wenn uns vorher nach Pilzpfanne und Salat war. Finden wir auf der Karte zwischen Schnitzel und Hähnchenbrustsalat nur ein einziges veganes Gericht gibt (und das ist dann auch noch Nudeln mit Tomatensauce), dann veranlasst uns dieses Umfeld rund um das Essen eher häufiger zu Fleisch greifen. All diese Faktoren unserer sogenannten „Ernährungsumgebung“ lassen sich aber auch leicht verändern. 

Die Ernährungsumgebung beschreibt das gesamte Umfeld, in dem wir mit Lebensmitteln in Kontakt kommen und diese konsumieren. Sie prägt das Konsum- und Essverhalten entscheidend: wie präsent ist Essen in unserem Alltag? Was empfinden wir als normal? Welche Konsumentscheidungen werden uns leichtgemacht, welche schwer? Klar ist: Für eine klima-freundliche und pflanzenreichere Ernährung brauchen wir einen nachhaltigen Wandel unserer Ernährungsumgebung (WBAE 2020).

Eine besondere Rolle kommt dabei der Außer-Haus-Verpflegung mit ihren knapp 40 Millionen täglich ausgegebenen Essen zu (Das Wissenschaftsjahr 2021). In Kantinen, Restaurants und im Imbiss kann eine veränderte Ernährungsumgebung es leichter machen, sich entsprechend der Planetary Health Diet gesundheitsfördernd und umweltverträglich zu ernähren. Positive Erfahrungen mit neuen, kreativen Gerichten beispielsweise in der Betriebskantine können auch dazu führen, dass das eigene Kochverhalten im Alltag sich ändert.

Doch sehr häufig gibt es noch immer eine Diskrepanz zwischen dem, wie wir uns ernähren wollen, und dem, was wir am Ende tatsächlich essen, die sogenannte „Intentions-Verhaltens-Lücke“. Dieses Verhalten wird von Orten der Gemeinschaftsverpflegung häufig noch verstärkt (UBA 2022b): wir haben ganz fest vor, etwas Gesundes zu Mittag zu essen, aber auf dem Weg zum Salatbuffet müssen wir erstmal an der Currywurst mit Pommes vorbei, und die ist dann auch noch billiger. Aber auch eine positive Beeinflussung ist möglich, indem Kantinen und Mensen beispielsweise gesunde und pflanzenbasierte Speisen prominent und bequem erreichbar in der Auslage platzieren, im Menüplan an die erste Stelle setzen oder durch gezielte Hinweise oder Preisanreize die Auswahl unterstützen. 

Forderungen der Deutschen Umwelthilfe

Wenn die Weltbevölkerung ihren derzeitigen Wachstumstrend fortsetzt und wir bis 2050 gut 9 Milliarden Menschen sein sollten, dann werden nach Angaben der UNO drei Erden benötigt, um den heutigen fleischlastigen Lebensmittelverbrauch zu decken, der hauptsächlich in Industrie- und Schwellenländern verbreitet ist. Aktuell werden zwar weltweit genügend Getreide und andere Lebensmittel erzeugt, um alle Menschen zu ernähren. Doch je mehr Getreide und Soja im Trog der Massentierhaltung landen, desto weniger steht für die Erzeugung von Grundnahrungsmitteln zur Verfügung. Deshalb will auch die EU-Kommission im Jahr 2023 Vorschläge vorlegen, mit welchen politischen Maßnahmen wir zu einem nach-haltigen Agrar- und Ernährungssystem kommen können. Die Deutsche Umwelthilfe fordert mit Blick auf die Regulierung unserer Ernährungsumgebungen: 

  • Verpflichtende Umsetzung der Planetary Health Diet in den Speiseplänen aller öffentlich geförderten Kantinen
  • Verpflichtendes Angebot mindestens eines pflanzlichen Gerichts in allen Einrichtungen der öffentlichen Gemeinschaftsverpflegung
  • Absenkung der Mehrwertsteuer für unverarbeitetes Obst und Gemüse auf 0 Prozent
  • Rücknahme der Mehrwertsteuerreduktion für konventionelle tierische Produkte (19 statt 7 Prozent)
  • Erhöhung des Anteils regionaler und ökologischer Erzeugnisse in der Gemeinschaftsverpflegung bis 2030 auf 30 Prozent zu erhöhen
  • Industrielle Massentierhaltung und Fleischerzeugung verursacht hohe externe Schäden und Kosten, die in den Fleischpreis integriert werden müssen
  • Umfassendes Förder- und Beratungsprogramm, um die Umsetzung nachhaltiger Ernährungsumgebungen in der Gemeinschaftsverpflegung zu unterstützen
  • Verbot der Werbung für Fleisch im öffentlichen Raum und der Werbung für Niedrigpreise bei Fleisch

Sie können nachhaltige Gerichte auf die Speisekarte bringen! Wir helfen Ihnen dabei.

Kontakt

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Reinhild Benning
Senior Beraterin für Agrarpolitik
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Leonie Netter
Referentin Landwirtschaft & Ernährung
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