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Frische Landluft? Leider nein.

Mittwoch, 18.12.2019

In kaum bekanntem Maße erzeugt die landwirtschaftliche Produktion Luftschadstoffe, darunter sind auch klimawirksame Gase. Es gibt aber Stellschrauben zur Reduktion dieser Emissionen. Die DUH und ihre Projektpartner machen sie bekannt und tragen zu einer gesellschaftlichen Debatte bei, die auf saubere Luft und mehr Klimaschutz zielt. Rinder und anderes Vieh spielen dabei eine Rolle, ebenso gerät die Düngung in den Fokus.

© Clara Bastian
A herd calves in a row, seen from behind, their rump, bums next to each other, eating from a trough on wheels.

Der Artikel erschien in der DUHwelt 4/19.

Die Landwirtschaft in Deutschland steht zunehmend in der Kritik. Wird sie zu Unrecht in Sachen Insektenschwund, Nitrat im Grundwasser und jetzt auch für die Belastung von Luft und Klima verantwortlich gemacht? Und: Unter welchen Rahmenbedingungen werden unsere Lebensmittel produziert? Die Fakten sind klar und deutlich: Die Landwirtschaft verursacht in der jetzigen Form massive Umweltprobleme. Das liegt vor allem an der Agrarpolitik, die den Trend zu großen Höfen mit immer größeren Ställen befördert. Seit Jahrzehnten verfehlt die Gemeinsame Europäische Agrarpolitik (GAP) Anreize für ein Wirtschaften, das sich an ökologischen Zusammenhängen orientiert. Aber auch viele Verbraucherinnen und Verbraucher kennen die Schadstoffbilanz von Lebensmitteln kaum.

Das Umweltbundesamt rechnet der Landwirtschaft einen Anteil von rund sieben Prozent am Ausstoß von Treibhausgasen zu. Diesen Emissionen und ebenso den Luftschadstoffen aus der Landwirtschaft verschaffen die Bodensee-Stiftung, France Nature Environnement, European Environmental Bureau und die Deutsche Umwelthilfe mehr Aufmerksamkeit. Neben Methan betrachten die Projektpartner Ammoniak sowie die sekundär entstehenden Luftschadstoffe Feinstaub und bodennahes Ozon. Auch Lösungsansätze für die Reduktion dieser Stoffe macht das Gemeinschaftsprojekt bekannt.
Was macht das Vieh mit der Luft?

Ob mit Borsten, Fell oder Federn – unsere Nutztiere werden vielerorts in großer Anzahl gehalten. Sind keine angemessenen großen Acker- und Wiesenflächen vorhanden, um die enorme Menge an Mist und Gülle zu verteilen, entstehen große Probleme für die Umwelt: Die Pflanzen können die Nährstoffe nicht vollständig aufnehmen, folglich versickern diese und belasten die Böden und Gewässer. Im Grundwasser vieler landwirtschaftlicher Räume treten somit erhöhte Nitratwerte auf. Obendrein verursachen Mist, Gülle und Gärreste aus Biogasanlagen – die Wirtschaftsdünger – schlechte Luftqualität und Treibhausgase.

Rinder, Schafe und Ziegen sind Wiederkäuer. In ihren Mägen entsteht beim Verdauungsprozess Methan, ein gasförmiger Stoff. Die Tiere scheiden es hauptsächlich über den Atem aus. Laut Umweltbundesamt ist Methan 25-mal klimaschädlicher als CO2. Somit belastet die Produktion von Rindfleisch und Milch das Klima.

Hinzu kommt: Methan ist an der Bildung von bodennahem Ozon beteiligt. Dieses aggressive Gas ist gesundheitsschädlich, es reizt die Atemwege und schränkt die Lungenfunktion ein. Auch Pflanzenschäden treten auf. Bei länger anhaltender Ozonbelastung gepaart mit starker Sonneneinstrahlung sinkt die Produktivität im Pfl anzenbau.

Gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus Landwirtschaft und Wissenschaft hat die DUH verschiedene Maßnahmen untersucht und in einer Methanminderungsstrategie zusammengefasst. Wir fordern von der Bundesregierung einen umfassenden Minderungsplan, der auch andere Methanquellen wie die Förderung und Verteilung der Energieträger Kohle und Gas einbezieht.

Ammoniak und Lachgas sind schädlich

Gülle und Mist aus der Schweine- oder Hühnerhaltung stellen ein komplexes Problem dar. Wo sie auf Felder ausgebracht werden, geben sie anschließend stickstoffhaltige Gase in die Luft ab: Ammoniak und in kleinerer Menge Lachgas entweichen. Beide Stoffe sind klimawirksam. Lachgas ist fast um den Faktor 300 schädlicher als CO2.

Ammoniak entweicht aber auch aus mineralischen Düngern. In der Luft trifft es auf andere Gase; das Gemisch verbindet sich zu gesundheitsschädlichen FeinstaubPartikeln. Ammoniak selbst ist kein Treibhausgas, es wird in der Natur jedoch zum Teil in Lachgas umgewandelt. Deshalb bezeichnet man es als indirektes Treibhausgas.

Einmal aus den Wirtschaftsdüngern entwichen, gelangen Lachgas und Ammoniak über den Luftweg in entferntere und möglicherweise sensible Lebensräume und „düngen“ sie mit Stickstoff. Das kann zu Eutrophierung – Überdüngung – und zu Versauerung führen, was insbesondere Gewässern und Magerstandorten wie Wäldern, Trockenwiesen und Mooren schadet.

Auf dem Bauernhof

Maßnahmen können sie Emissionen ihrer Betriebe effektiv reduzieren. Sie brauchen in ihrer Rolle als klimaschutzrelevante Akteure jedoch Unterstützung von der Politik. Eine wichtige Maßnahme ist das gasdichte Abdecken der Güllelager sowie jeglicher Gärreste im landwirtschaftlichen Betrieb. Aus Klimaschutzsicht ist das Vergären der Gülle in Biogasanlagen noch besser. Die beim Gärprozess entstehenden Gase werden zur Stromgewinnung genutzt oder in die Erdgasinfrastruktur eingespeist. Die Bundesregierung hat angekündigt, entsprechende Biogasanlagen verstärkt zu fördern und muss dies zügig umsetzen.

Beim Ausbringen von Wirtschaftsdünger sind Landwirte dazu verpflichtet, ihn schnell in den Boden einzuarbeiten. Das ist sinnvoll, um die Emissionen zu reduzieren, kann aber nur eine Maßnahme unter vielen sein. Auch über eine angepasste Fütterung von Nutztieren können Emissionen reduziert werden. Das richtige Maß an Eiweiß im Futter ist entscheidend. Die Wissenschaft muss dafür eindeutige Empfehlungen erarbeiten. Die DUH und ihre Projektpartner untersuchen, inwiefern Maßnahmen zur Luftreinhaltung Teil der beruflichen und universitären Ausbildung sind. Anschließend bringt das Projektteam Lehrkräfte, Landwirtschaftsverbände und -kammern an einen Tisch. Die Fragestellung wird dann lauten: Wie kann Wissen über ammoniak- und methanarme Bewirtschaftung vermittelt werden, um zukünftige Landwirtinnen und Landwirte in ihrer Klimaschutzrolle zu aktivieren?

Die Agrarwende

Die Gemeinsame Europäische Agrarpolitik (GAP) befindet sich zurzeit in einem Reformprozess. Damit die moderne Landwirtschaft tatsächlich zukunftsfähig wird, muss die EU dringend Anreize für ein nachhaltiges Wirtschaften setzen. Vor allem muss die absolute Anzahl der Nutztiere reduziert werden. Bei der Genehmigung neuer Stallanlagen muss die Tierhaltungsdichte der real vorhandenen, regionalen Fläche angepasst sein.

Bislang lässt die EU Agrarsubventionen fließen, die viel zu wenig an ökologische Gegenleistungen geknüpft sind. Kriterien hinsichtlich Biodiversität, artgerechter Tierhaltung oder sauberer Luft spielen kaum eine Rolle. Vielmehr erhalten die Betriebe pauschale Zahlungen auf Basis ihrer Fläche; davon profitieren vor allem die großen Unternehmen. In Deutschland entfallen knapp 70 Prozent der Fördermittel auf lediglich 20 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe.

Die Landwirtinnen und Landwirte brauchen eine nachhaltige Existenzperspektive und ihre Erzeugnisse verdienen die Wertschätzung der gesamten Gesellschaft. Jedes Jahr landen aber in Deutschland pro Einwohner 123 Kilogramm Lebensmittel im Müll, die noch genießbar wären. Deren ökologischer Fußabdruck ist somit unnötig entstanden. Das gilt für Produktion, Verarbeitungsbetriebe, den Handel sowie Privathaushalte. Damit weniger Lebensmittel verschwendet werden, muss die Bundesregierung ein Gesetz auf den Weg bringen: Der Lebensmitteleinzelhandel ist dabei ein Bestandteil der Wertschöpfungskette und braucht verbindliche Vorgaben gegen das Wegwerfen von Lebensmitteln. Hierfür muss auch eine Berichterstattungspflicht etabliert werden.

Lebensmittel mit Nebenwirkungen

Jede und jeder Einzelne kann dem Problem etwas entgegensetzen: Werfen Sie keine Lebensmittel weg, die noch genießbar sind. Ihre Sinne helfen Ihnen dabei: Was gut riecht und schmeckt und auch gut aussieht, kann über das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) hinaus verzehrt werden. Denn das MHD dient lediglich zur Orientierung und ist keinesfalls ein Wegwerfdatum. Überprüfen Sie Ihre Einkaufsgewohnheiten, verschenken Sie Lebensmittel, die Sie selbst nicht brauchen. Bringen Sie weniger Fleisch und Milchprodukte auf den Tisch, sondern mehr Essen, das Luft und Klima schont.

Über die Hälfte der Fläche Deutschlands wird landwirtschaftlich genutzt. Die Landwirtschaft gestaltet unsere Umwelt also in hohem Maße, daher fallen die politischen Rahmenbedingungen ins Gewicht. Machen Sie deshalb gemeinsam mit uns Druck auf Politikerinnen und Politiker, damit sie sich in Brüssel für eine konsequente Agrarwende einsetzen. Das wird sich lohnen für die Nutztiere, die Landwirte und ihre Höfe, für Wasser, Luft und Klima. Denn schließlich leidet die Landwirtschaft selbst massiv unter den Folgen des Klimawandels: Heiße, trockene Sommer und Extremwetter mit Starkregen oder Hagel treffen sie besonders schwer.

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