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Pressemitteilung

"Die nächsten vier Jahre sind entscheidend"

Dienstag, 28.12.2021

Barbara Metz will mit dem Gebäude- und Bausektor einen der größten Verursacher von Treibhausgasen in Deutschland dekarboniseren. Auf Politik und Industrie macht die Stellvertretende Bundesgeschäftsführerin Druck für mehr Tempo beim Ressourcenschutz, für Energieeffizienz und Abfallvermeidung – bei Verpackungen wie beim Bau.

© Stefan Wieland

+++ Das Interview erschien in unserem Jahresbericht 2021 +++

Klimaschutz rund um Gebäude ist ein wichtiges Thema. Wie kann die Politik die Akzeptanz von Klimaanforderungen bei Gebäudeeigentümern erhöhen?


Die neue Bundesregierung muss ganzheitliche Konzepte auf den Weg bringen, die sozial und klimazielkompatibel sind. In dieser Frage ist die DUH Vorreiter, auch dank einer langjährigen Kooperation mit dem Deutschen Mieterbund. Die aktuell massiv steigenden Gas- und Ölpreise treffen gerade die unteren Einkommensgruppen. Sie wohnen oft in unsanierten Gebäuden und müssen von ihrem Nettohaushaltseinkommen einen vergleichsweise hohen Mietanteil zahlen. Jetzt müssen sie auch noch die CO2-Preis-Umlage alleine zahlen. Wenn diese Häuser jetzt nicht energetisch saniert und entsprechende Heizungen eingebaut werden, wird es teurer für die Mieter. Auch im Fall einer Sanierung haben wir bisher keine gerechte Verteilung der Kosten, denn die werden über die Modernisierungsumlage auf die Mieter abgewälzt. Das muss sich ändern.

Der Gebäudesektor wurde in den letzten vier Jahren sträflich vernachlässigt. Er hat als einziger im Jahr 2020 die Klimaziele verfehlt, obwohl Lösungsvorschläge und klare Ablaufpläne – auch von uns – vorliegen. Die nächsten vier Jahre sind absolut entscheidend.

Rechnest du damit, dass die energetische Sanierungsrate unter der neuen Regierung ansteigen wird?

Ob die Sanierungsrate ansteigen wird, hängt von den politischen Rahmenbedingungen ab. Im Moment ist es so, dass zirka 60 Prozent der Förderung in den Neubau fließen, der in Deutschland aber nur drei Prozent der Gebäude ausmacht. Die größten Herausforderungen haben wir im Bestand. Hier brauchen wir auch ordnungsrechtliche Vorgaben: Die schlechtesten Gebäude müssen zuerst saniert werden, weil dort das größte CO2-Einsparpotenzial liegt. Fordern und fördern müssen kombiniert werden, um soziale Härten zu vermeiden, aber gleichzeitig Sanktionsmöglichkeiten zu haben, wenn Vermieter nicht sanieren.

Die öffentliche Hand sollte als Vorbild voranschreiten. Was wissen wir über den energetischen Zustand ihrer Liegenschaften?

Vor vier Jahren hat die vorherige Bundesregierung entschieden, die Effizienzstandards auf den Status von 2012 einzufrieren. Nun sind die Herausforderungen, vor denen wir heute stehen, umso größer. Gemeinsam mit „Frag den Staat“ haben wir viele Menschen in Deutschland aufgefordert, nach den Energieausweisen der öffentlichen Gebäude zu fragen. Das Resultat ist erschreckend: Hier besteht ein ganz großer Sanierungsstau. Laut KfW-Kommunalpanel allein bei Schulen von ungefähr 46 Milliarden Euro! Die Vorbildfunktion öffentlicher Gebäude, die per Gesetz vorgeschrieben ist, wird kaum wahrgenommen. An öffentlichen Gebäuden muss die Politik den Hebel zuerst ansetzen. Denn gerade diese meist großen, teilweise auch älteren Bauten bieten viel CO2-Einsparpotenzial und wir haben keine sozialen Härten. Planungssicherheit für die Gewerke ist auch wichtig für unsere Wirtschaft, so würden Handwerksbetriebe wachsen oder neu entstehen.

Wie müssen wir denn zukünftig bauen, damit Wohngebiete den Anforderungen der Nachhaltigkeit entsprechen?

Wir müssen unsere Stadtquartiere neu denken. Ich lehne mich weit aus dem Fenster, wenn ich sage: Die Zeit der vielen neuen Einfamilienhäuser ist vorbei. Aber das Gebäude, das schon da ist, ist energetisch modernisiert immer das klimafreundlichste. Es ist praktisch immer besser, es zu erhalten, als es abzureißen und möglicherweise mit dem total super Standard neu zu bauen, denn da stecken ja auch viele Ressourcen drin. Wir werden das Wohnraumproblem nicht alleine dadurch lösen, dass wir bauen, bauen, bauen. Das heißt, wir brauchen andere Konzepte, die dafür sorgen, dass bestehender Wohnraum optimal genutzt wird. Kommunen könnten in der Innenstadt kleineren attraktiven und kostengünstigen Wohnraum schaffen und Paaren anbieten, deren erwachsene Kinder schon aus dem Haus sind. So werden große Wohnungen und Einfamilienhäuser für junge Familien frei, die dann nicht neu bauen müssen. In Wien oder Zürich gibt es solche frühzeitigen Angebote bereits.

Fürs Bauen werden über 90 Prozent des Gesamtverbrauchs an Sand, Kies und anderen endlichen mineralischen Ressourcen eingesetzt. Wie kann der Umgang mit Ressourcen im Baugewerbe nachhaltiger werden?

Aktuell gucken wir nur auf die Nutzungsphase von Gebäuden. Auch Förderprogramme beziehen sich nur auf die Frage, was an Energie verbraucht wird, während ein Haus bewohnt wird. Was an Ressourcen in Gebäuden steckt und was damit passiert, wenn sie abgerissen werden, kommt fast überhaupt nicht in der politischen Debatte vor. Der größte Abfallstrom in Deutschland stammt aus dem Baubereich und wird meist deponiert, verfüllt oder thermisch verwertet - sprich verbrannt. Mit den richtigen Rahmenbedingungen ließe sich ein großer Teil dieser Abfälle jedoch recyceln. Dazu brauchen wir Konzepte, die schon in der Bauphase ein hochwertiges Recycling mitdenken.

Ein schon bekanntes Thema ist das Recyceln von Verpackungen und die Mülltrennung. Welche Rolle spielen Supermärkte? Funktionieren freiwillige Lösungen oder brauchen wir Gesetze?

In Deutschland ist der Eindruck entstanden, dass wir Recyclingweltmeister sind. Das sind wir nicht. Recycling ist auch nicht die beste Lösung. An erster Stelle muss immer die Abfallvermeidung stehen. Da liegt wahnsinnig viel Potenzial. Supermärkte bieten fast alles in Einwegverpackungen an, sie nehmen den Kunden so die Chance, sich umweltfreundlich zu verhalten. Nicht jeder hat die Möglichkeit, auf Märkten oder in Unverpackt-Läden einzukaufen. Wenn Unternehmen nicht zur Vermeidung von Abfällen verpflichtet werden, dann tun sie es nicht oder nur zögerlich. Frau Schulze ist mit einer freiwilligen Vereinbarung mit dem Handel gescheitert. Freiwilligkeit ist auch nicht einklagbar. An einem gesetzlich festgeschriebenen Vermeidungsziel führt kein Weg mehr vorbei.

Deshalb brauchen wir eine Plastiksteuer, die für die verantwortlichen Unternehmen das Inverkehrbringen von Plastik deutlich teurer macht. Und wir brauchen eine Abgabe auf Einwegverpackungen, wie es sie in Tübingen ab Januar 2022 schon gibt, die die Mehrwegverpackung für die Verbraucher viel attraktiver macht. Gerade für Essen, Trinken, Kaffee und den Onlinehandel sind bereits viele Mehrweglösungen auf dem Markt. Die Mehrwegquote von 70 Prozent für Getränkeverpackungen steht zwar schon im Gesetz, muss aber endlich verbindlich werden.

Welche Zielvorstellung würde dich persönlich für den Ressourcen- und Klimaschutz zufriedenstellen?


Wenn ich in Filmen sehe, dass Leute im Büro, Flugzeug oder Restaurant rauchen, empfinde ich das als befremdlich und weiß, dass es ein älterer Film ist. Wenn meine Kinder später mal Filme aus der jetzigen Zeit sehen, in denen Menschen aus Wegwerf-Plastikgeschirr essen oder aus einem Einweg-Coffee-to-go-Becher trinken, werden sie das hoffentlich genauso absurd finden. Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem Klimaurteil den Freiheitsbegriff weiterentwickelt, die Freiheit der nachfolgenden Generationen muss nun bei heutigen Entscheidungen mitgedacht werden. Dafür kämpfen wir!

Die Coronakrise hat die Grenzen des Vorstellbaren, aber auch die Grenzen des Machbaren verschoben. Sie hat uns deutlich gezeigt, wie es sich anfühlt, wenn in einer Krise die Freiheit eingeschränkt wird. Deshalb sind die nächsten vier Jahre entscheidend − jetzt geht es um die Maßnahmen, die sofort dafür sorgen, CO2-Emissionen unmittelbar zu senken. Damit können wir die Zeit gewinnen, die wir brauchen, um der Klimakatastrophe etwas entgegenzusetzen.

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