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Halbzeit Energiewende

Donnerstag, 26.04.2018

Vor 32 Jahren, am 26. April 1986, leitete die Havarie in Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl -zumindest in Europa- einen langsamen Niedergang der Atomkraft ein. Gleichzeitig begann das Nachdenken über alternative Energiequellen und damit der Aufstieg der Erneuerbaren Energien. Die Katastrophe von Tschernobyl ist damit letztlich auch die Geburtsstunde der Energiewende: ein Abschied von Atomkraft und fossilen Energieträgern und der sukzessive Übergang zu einer auf Erneuerbaren basierenden Energieversorgung.

© Coloures pic/Fotolia

-ein Kommentar von Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe-

Genaugenommen markiert der Jahrestag die Halbzeit dieses Mehr-Generationen-Projektes, denn von heute an gesehen, sind es noch einmal 32 Jahre bis 2050, dem Fixpunkt des Pariser Klimaabkommens, zu dem zumindest die westlichen Volkswirtschaften weitgehend dekarbonisiert sein sollen. In anderen Worten: in 2050 soll die Energiewende vollendet sein!

Was lehrt uns der Blick zurück in Bezug auf die drei Jahrzehnte, die nun vor uns liegen?

Manche Dinge dauern länger als man glaubt:

So sind die Aufräumarbeiten nach der Katastrophe von Tschernobyl bis heute nicht vollständig abgeschlossen. Der „Sarkophag“, der Reaktorblock 4 strahlensicher umhüllt, wurde tatsächlich erst jetzt vollständig fertiggestellt. Der Sarkophag geht als bisher größtes bewegliches Landbauwerk in die Geschichte ein. Um die Radioaktivität im Innern müssen sich später andere kümmern. Um den Reaktor herum stehen nach wie vor zahlreiche ungesicherte Gebäude. Die Strahlenbelastung nimmt über Jahrzehnte nur langsam ab. An den Folgen einer geringen Strahlenbelastung für die menschliche Gesundheit forscht die Wissenschaft seit langem. Klar ist: Trifft radioaktive Strahlung auf eine Zelle, kann sie unter anderem die DNA im Kern schädigen.

Nicht nur die Atomenergie überdauert lange Zeiträume. In ähnlichen Dimensionen müssen wir auch bei der Bewältigung des geologischen, wirtschaftlichen und sozialen Nachlasses des Stein- und Braunkohleabbaus denken. Nicht ohne Grund sprechen wir von „Ewigkeitslasten“.

Andere Dinge hingegen entwickeln sich schneller und sprunghafter als erwartet:

Die positive Überraschung der vergangenen Jahrzehnte war der technische und wirtschaftliche Durchsetzung der Erneuerbaren Energien als neue Leittechnik der Energieversorgung weltweit. Hier zeigten die vergangenen Jahrzehnte einen Paradigmenwechsel weg von zentralen atomar- und fossil-basierten Strukturen hin zu einem dezentralen System basierend auf Erneuerbaren Energien. Die Digitalisierung kann und wird diesen Trend unterstützen und weiter beschleunigen, etwa durch smarte Netze.

Die Schlüsselrolle beim Durchbruch der Erneuerbaren bewirkte allerdings eine politische Innovation: das in Dänemark entwickelte und dann auf zahlreiche andere Länder übertragene Erneuerbare-Energien-Gesetz mit dem zentralen Element des Einspeisevorranges, der Ökostrom vor Strom aus konventionellen Energien den Vorzug gibt. Das EEG hat Entwicklungen in Deutschland überhaupt erst möglich gemacht.

Manche Industrien bleiben in der Vergangenheit stecken:

Bis heute setzt die Automobilindustrie auf inkrementelle Fortschritte beim Verbrennungsmotor. Der Anteil des Individualverkehrs zuungunsten öffentlicher Verkehrsträger nimmt weiter zu. Weltweit hat der Trend zur autogerechten Stadt und Gesellschaft inzwischen auch die Schwellen- und zahlreiche Entwicklungsländer erfasst. Uns aus dieser Sackgasse herauszumanövrieren, wird wiederum Jahrzehnte dauern.

Wir haben auch gelernt, dass Prognosen und Szenarien die Erfahrungen der Gegenwart abbilden – und nicht die Zukunft, auch weil sich die Welt, in der unsere Energiesysteme eingebettet sind, disruptiv ändern kann. Dazu gehören der Zusammenbruch der Sowjetunion, der Aufstieg Chinas und anderer Schwellenländer sowie die Globalisierung unseres Wirtschafts-und Finanzsystems. Diese geostrategischen Umbrüche, in Kombination mit technologischen Entwicklungen, konnten die Energiemodelle der Achtziger und Neunziger Jahre nicht abbilden: Heute sind dies die neuen Rahmenbedingungen der Energiepolitik. Politisch bedeutet das, nicht in linearen Entwicklungen zu denken, sondern sich Freiheitsgrade des Handelns zu bewahren.

Auch wenn die Fortschritte, die wir in den vergangenen Jahrzehnten bei der Verbesserung der Energieeffizienz und vor allem in Anbetracht des Vormarsches der Erneuerbaren Energien erzielt haben, auf technologischen Lösungen basieren, waren politische Weichenstellungen – manche mehr, manche weniger klug– entscheidend. Eine Bürgerbewegung gegen die Atomenergie in Deutschland führte dank ihres langen Atems zu einer „Energiewende von unten“. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz gab den Startschuss zu einer Welle von Investitionen in Wind- und Solarkraft, auch zu einem Zeitpunkt, als die Kosten noch nicht wettbewerbsfähig waren. Ähnliche politische Weichenstellungen für andere Sektoren, vor allem für den Verkehrs- und Gebäudesektor, müssen in den kommenden Jahren erfolgen. Sonst blicken wir im Jahre 2050 auf ein halbes Jahrhundert gescheiterter Klima- und Energiepolitik zurück. Genauso, wie damals in Tschernobyl die Atomenergie gescheitert ist.

Die nächsten Schritte der Energiewende - lesen Sie mehr über die Forderungen der DUH

Forderungspapier: Die nächsten Schritte der Energiewende

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