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„Feinstaub und NO2 sind Killer.“

Freitag, 10.02.2017

Seit Jahren bekommen zahlreiche Städte in Deutschland die Luftbelastung mit Feinstaub und Stickoxiden nicht in den Griff. Die Grenzwerte in hochbelasteten Gegenden sind um das Vielfach überschritten. Norbert K. Mülleneisen ist seit 21 Jahren Facharzt für Lungen- und Bronchialheilkunde in Leverkusen. Er sieht die gesundheitsschädlichen Auswirkungen schlechter Luft täglich an seinen Patienten – und verklagte deshalb den Automobilkonzern VW.

Herr Mülleneisen, welche Auswirkungen haben Feinstaub und Stickoxide auf unsere Gesundheit?

Feinstaub und NO2 sind Killer. Es sterben laut WHO jährlich 3 Millionen Menschen allein an Erkrankungen, die durch die Belastung der Atemluft mit Feinstaub verursacht werden. NO2 wird in der Lunge durch chemische Veränderungen zu Salpetersäure. Es kommt zu Schleimhautreizungen und lokalen Entzündungen in den Bronchien oder den Lungenbläschen. Das reicht bis zu verstärkten Ablagerungen in den Blutgefäßen und einer erhöhten Thromboseneigung.

Welche Symptome beobachten Sie bei Ihren Patienten?


Ich habe in meiner Leverkusener Praxis zwei- bis dreimal so viele Krankenhaus-Einweisungen und akute Verschlechterungen der chronischen Lungenerkrankung COPD wie meine Kollegen in Nordrhein. Wenn alle anderen Faktoren – wie Alter, Geschlecht und Raucherstatus – in Leverkusen annähernd gleich sind wie bei meinen Kollegen, muss doch in Leverkusen etwas anders sein als in Rest-Nordrhein. Das kann für mich nur der Autoverkehr sein. Das vielbefahrene Leverkusener Autobahnkreuz liegt mitten in der Stadt.

Können diese Krankheiten auch chronisch werden?

Ja! Ich habe früher Zigarettenrauch für viel schlimmer gehalten als einen Dieselmotor im Leerlauf. Das ist leider nur richtig für den Feinstaub eines Dieselmotors auf dem Prüfstand. Nicht im normalen Betrieb! Dass Zigaretten chronisch krankmachen, ist inzwischen Allgemeinwissen. Leider wird man auch chronisch krank durch Feinstaub und NO2.

Wer ist besonders betroffen von den Effekten hoher Luftverschmutzung?

In vielbefahrenen Straßenschluchten mit wenig Luftaustausch ist die Belastung am höchsten. Gerade Kinder, ob im Fahrradanhänger oder als Fußgänger, sind wegen ihrer Größe und des geringen Abstandes zum Auspuff besonders gefährdet. Sie können einen Lungenschaden für ihr ganzes Leben davontragen.
Auch sind Allergiker und Asthmatiker besonders betroffen. Es kommt zu einer Verschlechterung der Lungenfunktion, zu einem verminderten Lungenwachstum bei Kindern, zu mehr und schlimmeren Allergien und Asthma. Auch zu Lungenkrebs, zu Atemwegsinfektionen, Lungenentzündungen, Herz-Kreislauferkrankungen und Herzinfarkten, aber auch zu Mittelohrentzündungen, niedrigem Geburtsgewicht und Frühgeburten.

Ich habe früher Zigarettenrauch für viel schlimmer gehalten als einen Dieselmotor.

Aus medizinischer Sicht: Welche Maßnahmen müssen ergriffen werden, um die Menschen wirkungsvoll vor Gesundheitsgefahren zu schützen?

Herr Dobrindt sollte schleunigst die Autohersteller verpflichten, die vereinbarten Grenzwerte endlich einzuhalten! Man muss nur den Betrügern von VW und Co das Handwerk legen. Filter und technische Lösungen sind doch längst vorhanden. Ich kann nicht warten, bis die Bundestagswahl vorbei ist. Meine Patienten sterben jetzt. Herr Dobrindt ist ab sofort für diese Toten verantwortlich. Die Fakten liegen auf dem Tisch. Wer jetzt noch zögert, die Maßnahmen zu ergreifen, um die Gesundheit der Menschen zu schützen, ist ein Verbrecher. Die DUH hat viele Vorschläge gemacht, die sofort umsetzbar wären. Warum zögert das Verkehrsministerium?

Was würden Sie Menschen in den belasteten Gebieten raten?

Es gibt Städte, da können Sie eigentlich nur wegziehen. Leverkusen ist ein guter Ort zum Sterben. Ich will aber, und viele meiner Patienten müssen auch, in Leverkusen weiter wohnen.
Bevor man rausgeht, sollte man den Wetterbericht anhören, Pollenflug, Ozonwarnung, Kälte, Wind und Inversionswetterlagen beachten. Meiden Sie vielbefahrene Straßen. Frühsport besser wenn wenig Verkehr ist, als zur Rush Hour. Gut lüften, insbesondere Kerzen und offenes Feuer meiden. Kaminöfen mit aktueller Abbrand-Technik ausrüsten und Feuerungsanlagen regelmäßig warten.
Auf Husten oder Luftnot achten und gegebenenfalls einen Arzt aufsuchen, um einen Lungenfunktionstest zu machen.

Die Fragen stellte Peter Feldkamp, Projektmanager bei der DUH. 

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© Montage: DUH (Fotolia: olando, chagpg)

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