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Pressemitteilung

Erdhörnchen des Landes verwiesen

Mittwoch, 07.04.2021

Mit dem Schwinden der europäischen Steppen stirbt auch deren Tierwelt aus. Zu den Verlierern zählen die flinken, geselligen Ziesel: Seit etlichen Jahrzehnten ist Deutschland zieselfrei.

© Anahita Daklan-Zheleva - stock.adobe.com

Der Artikel erschien in der DUHwelt 1/2021.

Es war ungefähr 1985, als im Erzgebirge des damaligen DDR-Bezirks Karl-Marx-Stadt das letzte wilde Ziesel auf deutschem Boden seinem wühlenden und knabbernden Tagwerk nachging. Das Mittelgebirge an der Grenze zum heutigen Tschechien wies bis in die 1960er Jahre noch extensiv genutzte Wiesen auf, die karg und mit Wildblumen, Gräsern und anderer niedriger Begleitflora wirtschaftlich uninteressant waren. Aber mehreren Kolonien von grauen, schnell auf den kurzrasigen Wiesen umherflitzenden Nagetieren bot es einen guten Lebensraum. Mit der technischen Intensivierung der Landwirtschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verschwanden diese Flächen und wichen gedüngtem, regelmäßig abgeweidetem oder gemähtem Grünland für die Viehwirtschaft: Milchkühe verdrängten Ziesel. Seitdem ist das geschäftige Erdhörnchen in Deutschland ausgestorben.

Nicht Maus, nicht Hund

Das erdverbundene Hörnchen ist mittlerweile so weit vergessen, dass niemand mehr sicher weiß, ob es „das“ oder „der“ Ziesel heißt. Laut Duden ist beides zulässig. In der sächsischen Ex-Heimat nannte man die Tiere auch „Krieschelmäuse“, eindeutig ein lautmalerischer Name, denn sie geben wachsame quietschende Kontaktrufe von sich, bei akuter Gefahr sogar ein durchdringendes Pfeifen. Ganz ähnlich wie ihre größeren nordamerikanischen Verwandten, die noch weniger passend „Präriehunde“ heißen. Europäische Ziesel sind weder Mäuse noch Hunde, sondern gehören mit knapp 300 verwandten Arten zur Familie der Hörnchen. Die Verwandtschaft ist global sehr verbreitet, zu ihr zählen viele kaum Bekannte, aber auch Prominente wie das Eichhörnchen und das Murmeltier.

Ohne Steppe keine Ziesel

Das europäische Ziesel bewohnt offene, großräumige Graslandschaften, also Steppen. Diese sind in Europa aufgrund von Bebauung und intensiver Landwirtschaft sehr selten geworden und zunehmend fragmentiert. So kann der Austausch zwischen Populationen nicht mehr stattfinden, Lebensräume zur neuen Besiedelung fehlen. Auch andere Steppenbewohner wie der Feldhamster haben es aus diesen Gründen schwer und nehmen im Bestand stark ab. Mittlerweile ist die ehemalige Allerweltsart Ziesel auf der Roten Liste als „gefährdet“ eingestuft. In den trockenwarmen Offenlandgebieten von Ungarn, Rumänien und Bulgarien kommen die letzten größeren Populationen des Ziesels vor.

Gemeinschaftswohnen im Tunnel

Die flinken Hörnchen sind gesellige Tiere. In ihren Kolonien passen sie auf einander auf und warnen sich gegenseitig vor Fressfeinden oder anderen Gefahren. Sie ernähren sich von allerhand Grünpflanzen, Samen, Wurzeln und Insekten. Da diese im Winter nicht ausreichend zur Verfügung stehen, sind Ziesel überzeugte Winterschläfer. Schon im September und Oktober ziehen sich die Tiere in ihr gemeinschaftlich genutztes Tunnelsystem zurück, das sie im Sommer pflegen und erweitern. Die Eingänge verschließen sie gegen die Kälte und Fressfeinde wie Wiesel und Fuchs. Dann sucht sich jedes Ziesel eine eigene Schlafkammer, die es mit Gräsern auspolstert. Nach und nach werden die Schlafphasen immer länger und die Körpertemperatur sinkt auf knapp über dem Gefrierpunkt.

Wie andere Winterschläfer auch müssen Ziesel jedoch regelmäßig aufwachen und die Körpertemperatur auf das normale Niveau anheben. Wissenschaftler*innen vermuten, dies diene dem Ankurbeln des Immunsystems, um Infektionen zu vermeiden. Ihren Fettvorrat, einen Kalorienspeicher, brauchen die Tiere im Winter fast vollständig auf. Ende März klingelt der innere Wecker der Erdhörnchen und ist einmal der Eingang wieder freigelegt, wartet draußen schon das erste frische Grün darauf, von hungrigen Pflanzenfressern abgegrast zu werden.

Apropos fressen: Ziesel stehen bei Greifvögeln, Hauskatzen, Fuchs, Marder, Wiesel und anderen recht weit oben auf der Speisekarte, weshalb sie mit der Familienplanung keine Zeit zu verlieren haben. Im April beginnt schon die Paarungszeit. Einen guten Monat später wirft das Weibchen fünf bis acht Jungtiere im heimeligen Nest unter der Erde. Nach sechs Wochen Muttermilch hat der Nachwuchs Lust auf Grünzeug und verlässt den Bau. Kommt kein hungriger Fuchs dazwischen, werden Ziesel durchaus zehn Jahre alt.

Steckbrief

Ziesel
(Spermophilus citellus)

Verwandtschaft:
Familie der Hörnchen. Verwandte sind Eichhörnchen, Murmeltier, Präriehund.

Lebensraum und Verbreitung: Grassteppen, offene, trockene Ebenen, auch Golfplätze, Flughäfen. In Deutschland seit den 1980er Jahren ausgestorben. In Polen wieder angesiedelt. Größere Populationen in Ungarn, Rumänien, Bulgarien.


Nahrung:
grüne Teile, Wurzeln und Samen von Gräsern und Kräutern, Insekten.

Aussehen:
Größe 20 bis 25 Zentimeter, Grundfarbe grau, mit dunklen Punkten auf dem Rücken. Die Unterseite ist sandfarben. Die Männchen sind ein wenig größer als die Weibchen und wiegen 240 bis 340 Gramm, sehen aber ansonsten gleich aus.

Gefährdung:
In Deutschland ausgestorben, in Europa gefährdet. Ein Wiederansiedlungsprojekt im Erzgebirge Mitte der 2000er Jahre schlug fehl.

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