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Textil-EPR als Schlüssel für die Transformation der linearen Textilwirtschaft

Unsere Kleidung hat ein großes Problem: Es wird viel zu viel produziert – und zu schnell weggeworfen – und die Hersteller müssen bisher keine Verantwortung für ihren Müll übernehmen.

Die Textilproduktion gehört zu den ressourcen- und umweltintensivsten Konsumbereichen. Weltweit hat sich die Produktion seit 2000 mehr als verdoppelt, während die durchschnittliche Tragehäufigkeit von Kleidung im gleichen Zeitraum um nahezu die Hälfte zurückgegangen ist. Auch in Deutschland zeigt sich das deutlich: Hier kauft jede*r im Schnitt 26 Kilogramm Kleidung pro Jahr und gleichzeitig landen riesige Mengen im Müll – mehr als doppelt so viel wie noch vor 10 Jahren. Nicht einmal ein Prozent davon wird zu neuer Kleidung recycelt – während weltweit jede Sekunde eine Lkw-Ladung Textilien verbrannt oder deponiert wird. Zirkuläre und damit nachhaltige Textilnutzungsmodelle spielen bislang kaum eine Rolle: Second Hand macht nur etwa 8 Prozent des Marktes aus, während Textilleihmodelle, Upcycling, Reparatur und Kleidertausch weitgehend marginal bleiben. 

Aktuelle Verwertungspfade von Alttextilien

Der größte Teil unserer Kleidung wird als Fast-Fashion produziert – schnell, billig aus Öl und in unglaublich großen Mengen. Das führt zu kurzen Nutzungsdauen und viel Abfall und belastet Umwelt, Klima und Menschen gerade in anderen Ländern, in die am Ende die Mengen unserer nicht mal recyclefähigen Altkleider exportiert werden. Fast 50 Prozent der Alttextilen die in afrikanischen Ländern wie Ghana ankommen, können auch da nicht mehr getragen werden und enden direkt als Abfall – meisten auf offenen Deponien und am Ende im Meer. Die Kleidung ist Plastikmüll, sie verrottet nie. Sie wird dort verbrannt oder zerfällt unkontrolliert, setzt Giftstoffe frei, verschmutzt Luft, Böden und Gewässer und belastet die Umwelt und die Gesundheit der Menschen vor Ort massiv. 

Das zugrundeliegende Problem: Die Textilindustrie ist seit Jahrzenten quasi vollkommen gesetzlich unreguliert. Hersteller verdienen am Verkauf von immer mehr Billigware – nicht an hochwertiger Kleidung, die lange genutzt wirdoder kreislauffähigen Textilnutzugsmodellen. Im Gegensatz zu anderen Branchen wie Verpackungen oder Elektronik müssen die Hersteller bisher keinerlei Verantwortung für den Müll übernehmen, den sie produzieren.

Mit der sogenannte erweiterte Herstellerverantwortung (EPR) könnte jetzt der Gamechanger kommen

Um die Umweltauswirkungen der Textilbranche zu begrenzen, verpflichtet die EU Deutschland und die anderen Mitgliedstaaten bis April 2028, Systeme der Erweiterten Herstellerverantwortung (Extended Producer Responsibility (EPR)) einzuführen. Sie kann ein extrem wirksames Instrument werden, um die bisher auf Wegwerfware ausgerichtete Textilindustrie in Richtung Kreislauffähigkeit zu transformieren, weil sie die Kosten und Verantwortung für den Textilmüll dorthin verschiebt, wo sie entstehen: zu den Herstellern. 

Das Prinzip ist einfach: Unternehmen müssen künftig für ihre Kleidung auch nach dem Verkauf Verantwortung übernehmen und für die Sammlung, Sortierung, Wiederverwendung und das Recycling ihrer Produkte bezahlen. In der Praxis geschieht das meist über zentrale Systeme, sogenannte Producer Responsibility Organisations (PROs), in die Hersteller Beiträge einzahlen. Diese organisieren dann im Auftrag die Sammlung, Sortierung, Wiederverwendung und das Recycling der Alttextilien. Je mehr und je schlechter verwertbare Kleidung sie auf den Markt bringen, desto höher werden ihre Kosten, während langlebige und reparierbare Textilien belohnt werden. Richtig ausgestaltet entsteht so ein klarer Anreiz, weniger, langlebigere und besser recycelbare Kleidung zu produzieren. 

Entscheidend ist jedoch eine wirksame Ausgestaltung. In anderen Bereichen sehen wir, dass viele EPR-Systeme noch nicht ausreichend wirken und zu kurz greifen. Wenn Hersteller lediglich die Entsorgungskosten finanzieren, ohne dass diese Kosten mit Produktmenge, Qualität oder Umweltwirkung verknüpft sind, bleibt Überproduktion weiterhin wirtschaftlich attraktiv. Die Kosten für Sammlung und Entsorgung werden einfach eingepreist, während das Geschäftsmodell unverändert bleibt.

Wir haben ein Forderungspapier mit 5 zentralen Anforderungen formuliert, wie eine wirksame Textil-EPR ausgestaltet werde muss, damit sie die Textilbranche auch tatsächlich in Richtung Kreislaufwirtschaft transformiert. 

Diese Kernforderungen greifen ineinander und zeigen, wie eine erweiterte Herstellerverantwortung tatsächlich wirksam werden kann: Verbindliche Umweltziele setzen klare Leitplanken und machen Fortschritte messbar, etwa ob Abfall vermieden, Wiederverwendung gestärkt und Recycling verbessert wird. Eine wirksame Ökomodulation knüpft daran an, indem sie wirtschaftliche Anreize dahingehend verschiebt, dass langlebige, reparierbare und kreislauffähige Produkte günstiger werden, während kurzlebige Massenware durch höhere Gebühren teurer wird. 

Damit die erweiterte Herstellerverantwortung im Textilbereich wirksam wird, müssen verbindliche Umweltziele festgelegt werden. Die EU-Abfallrahmenrichtlinie verpflichtet die Mitgliedstaaten zwar dazu, enthält jedoch keine konkreten Vorgaben – diese muss Deutschland jetzt national definieren. Hersteller setzen ihre Pflichten in der Regel über sogenannte Producer Responsibility Organisations (PROs) um. Ohne klare Zielvorgaben besteht die Gefahr, dass diese Systeme vor allem darauf ausgerichtet sind, möglichst billig zu funktionieren – statt wirklich Umweltprobleme zu lösen. 

Zentral ist daher die Festlegung verbindlicher Ziele entlang der Abfallhierarchie: Abfallvermeidung, Wiederverwendung und Recycling. Diese müssen regelmäßig überprüft, transparent berichtet und bei Nichterreichung wirksam sanktioniert werden. 

  • AbfallvermeidungszielReduktion des Textilabfalls um 30 % bis 2040 im Vergleich zu 2026 (mit Zwischenzielen von 10 % bis 2030 und 20 % bis 2035).  
  • Sammelziel: flächendeckende, leicht zugängliche Getrenntsammlung (z. B. mindestens eine Annahmestelle pro 1.000–1.500 Einwohner:innen) 

  • Ziele für Wiederverwendung und Recycling: 

    • Steigende Wiederverwendungsquoten (z. B. 60 Prozent bis 2030, 70 Prozent bis 2040) 
    • Mindestanteil lokaler Wiederverwendung in Europa 
    • Deutlich höheres Recycling auf Faser-zu-Faser-Niveau 


Die EPR-Beiträge müssen zwingend mit einer wirksamen Ökomodulation ausgestaltet werden. Das bedeutet: Die Höhe der Beiträge richtet sich danach, wie umweltfreundlich ein Produkt ist. Langlebige, reparierbare und gut recycelbare Kleidung sollte geringere Gebühren verursachen, während kurzlebige Fast-Fashion-Produkte deutlich teurer werden. Dabei müssen auch Geschäftsmodelle, die auf schnelle Trends und hohe Mengen setzen, entsprechend stärker belastet werden. Nur so entstehen echte Anreize, bessere Produkte zu entwickeln und weniger Wegwerfmode zu produzieren. 

In vielen bestehenden Systemen sind die Beiträge jedoch zu niedrig oder kaum differenziert – dadurch wird vor allem die Entsorgung finanziert, ohne Anreize für bessere Produkte zu setzen. Damit die Ökomodulation funktioniert, müssen die Kriterien klar und verbindlich vom Umweltbundesamt festgelegt werden und für alle Systeme gelten. Außerdem müssen die Unterschiede bei den Gebühren groß genug sein, um das Verhalten von Herstellern tatsächlich zu verändern. 

  • Ökomodulation muss mindestens 10 bis 20 Prozent des EPR-Basisbeitrags ausmachen 
  • Kriterien und Staffelung der Ökomodulation müssen außerhalb des Wettbewerbs sowie systemübergreifend festgelegt werden. 
  • verbindliches Bonus-Malus-System bezieht sowohl das Produkt selber als auch das Geschäftsmodell mit ein  

Die EPR-Mittel müssen klar aufgeteilt werden: Ein Teil fließt weiterhin als "Bewirtschaftungsfonds" in die Abfallbewirtschaftung (Sammlung, Sortierung und Recycling), ein anderer (mindestens 20 Prozent) als "Transformationsfonds" gezielt in die Ursachenlösung – also in Abfallvermeidung, Wiederverwendung, Reparatur und zirkuläre Geschäftsmodelle.

Dieser Fonds soll gezielt den Aufbau einer zirkulären Infrastruktur im Textilbereich fördern, zum Beispiel: 

  • Leih- und Sharingmodelle für Kleidung 
  • lokale Kreislaufangebote sowie Second-Hand 
  • Reparatur und Wiederverwendungsnetzwerke 
  • Geschäftsmodelle für zirkulären Textilkonsum 

Ein rechtliches Gutachten bestätigt, dass EPR-Mittel für den Aufbau zirkulärer Infrastrukturen rechtlich zulässig sind und sich direkt aus der Abfallrahmenrichtlinie ableiten lassen. 

Damit die erweiterte Herstellerverantwortung wirkt, muss klar sein: Die Verantwortung liegt vollständig bei den Herstellern. Wenn Zuständigkeiten zwischen verschiedenen Akteur*innen aufgeteilt sind, schwächt das die Verantwortung und Umweltziele werden oft nicht erreicht. 

Deshalb müssen Hersteller sowohl die Kosten für Sammlung, Sortierung, Wiederverwendung und Recycling tragen als auch dafür sorgen, dass die Umweltziele tatsächlich eingehalten werden. 

Gleichzeitig müssen alle Hersteller und Inverkehrbringer einbezogen werden – auch im Onlinehandel. Plattformen und ausländische Hersteller dürfen sich nicht entziehen, sondern müssen sicherstellen, dass die Regeln eingehalten werden. Sonst entsteht ein unfairer Wettbewerb, bei dem sich einige Anbieter den Kosten entziehen, während andere dafür zahlen. Bei Verstößen müssen sie haftbar gemacht werden können. 

Damit die Textil-EPR wirklich funktioniert, müssen die Systeme transparent und fair organisiert sein. Es muss nachvollziehbar sein, wie sie aufgebaut sind, wie viel Geld eingenommen wird und wofür es verwendet wird. Wenn sie allein von Herstellern gesteuert werden, besteht die Gefahr, dass eigene Interessen über Umweltziele gestellt werden.  

Deshalb braucht es klare Regeln, Kontrollen und Sanktionen. Die zentrale Kontrolle sollte beim Umweltbundesamt liegen. 

Alle wichtigen Akteur*innen müssen einbezogen werden und mitentscheiden können – darunter Kommunen, Sammler*innen, Sortierbetriebe, Recycler, Anbieter zirkulärer Geschäftsmodelle sowie Umwelt- und Verbraucherschutzorganisationen. Auch Vertreter*innen aus Ländern, in die viele gebrauchte Textilien exportiert werden und in denen ein erheblicher Teil der tatsächlichen Wiederverwendung stattfindet, sollten beteiligt werden.

Wir haben jetzt die Chance, die Ultra-Fast-Fashion-Spirale zu durchbrechen. Es braucht verbindliche Regeln und eine konsequente Herstellerverantwortung, die Fast Fashion unwirtschaftlich macht und langlebige, reparierbare Mode fördert. Fordere mit deiner Unterschrift einen echten Systemwechsel!

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Viola Wohlgemuth
Senior Expert Textil und Kreislaufwirtschaft
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Stellvertretende Leiterin Kreislaufwirtschaft
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