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Heilsbringer Grüner Wasserstoff? Eine nüchterne Bewertung.

Montag, 03.02.2020

Ein Interview mit Constantin Zerger, Leiter Energie und Klimaschutz der Deutschen Umwelthilfe.

© Finke/DUH

Alle reden derzeit über Wasserstoff. Was ist da dran – ist Wasserstoff der Heilsbringer für die Energiewende?

Tatsächlich, es schwingt viel Euphorie mit, wenn es um Wasserstoff geht. Klar ist: gasförmige Energieträger werden auch künftig in unserem Energiesystem eine Rolle spielen. Aber ihre Einsatzmöglichkeiten sind begrenzt, der Energieaufwand ist hoch und der Einsatz wird teuer sein. Deshalb müssen wir die Perspektiven ganz nüchtern bewerten.

Die Farbe des Wasserstoffs scheint auch von Bedeutung zu sein. Grün oder blau, was steckt dahinter?

Aus erneuerbaren Energien erzeugter Wasserstoff wird als „grüner“ Wasserstoff bezeichnet. „Blauer“ Wasserstoff wird dagegen aus fossilem Erdgas durch Abspaltung des Kohlenstoffs hergestellt. Das ist nicht zukunftsfähig, dieses Gas bleibt ein fossiler Energieträger. Der Kohlenstoff soll dann unterirdisch in die Erdgasfelder verpresst werden.

Das erinnert an bekannte Technologien zur Abscheidung und Speicherung von CO2, englisch Carbon Capture and Storage, kurz CCS.

Stimmt. Und ebenso wie CCS lehnen wir „blauen“ Wasserstoff ab: Der Prozess ist energieaufwändig, die Lagerung risikoreich, die Technik nicht ausgereift. Und es gibt mit der Erzeugung von Wasserstoff aus erneuerbarem Strom mittels Elektrolyse eine bessere Alternative.

Ist dieser grüne Wasserstoff die ersehnte Lösung für die Probleme der Energiewende?

Bei Hochtemperaturprozessen in der Industrie, bei der Luft- und Seeschifffahrt sowie beim Schwerlastverkehr auf der Straße kann grüner Wasserstoff tatsächlich ein Teil der Lösung sein. Allerdings sollten wir im motorisierten Individualverkehr und bei der Gebäudewärme den Einsatz von Wasserstoff oder anderen synthetischen Kraftstoffen von vorne herein ausschließen. In diesen Bereichen wäre das Energieverschwendung. Hier stehen mit batterieelektrischen Fahrzeugen, dem öffentlichen Verkehr und im Gebäudebereich mit besserer Dämmung und der Wärmepumpe andere technische Lösungen zur Verfügung. Diese sind vor allem viel energieeffizienter.

Woher wird der grüne Wasserstoff kommen?

Peter Altmaier spricht immer vom Import von erneuerbar erzeugtem Wasserstoff aus Afrika. Das ist zwar eine schöne Idee, bleibt aber erst einmal science fiction. Stand heute gibt es weder Kapazitäten für die Erzeugung von erneuerbarem Wasserstoff in Afrika noch eine technologische Lösung für den Transport.

Aber wäre der Import aus Afrika nicht die günstigste Lösung, weil die Erzeugung angeblich billiger ist?

Wir dürfen nicht vergessen, dass es in globalen Märkten nicht alleine auf die Erzeugungskosten ankommt, sondern auf den Preis. Beispiel Erdöl: Das wird auch nicht zu den Förderkosten gehandelt. Der Preis bestimmt sich vielmehr nach Angebot und Nachfrage, mit großer Einflussnahme von geostrategischen Überlegungen. Sobald nicht nur Deutschland, sondern auch andere Nationen ihre Energieversorgung auf 100% Erneuerbare umstellen, wird schnell klar: Die Nachfrage nach erneuerbarem Gas wird wachsen, dieses Gas wird eine extrem teure Ressource.

Was muss passieren, um in eine nachhaltige und grüne Wasserstoffwirtschaft einzusteigen?

Es liegt noch ein weiter Weg vor uns: Erstens müssen Bundesregierung und Wirtschaft ihren Dornröschenschlaf beim Thema Energieeffizienz endlich beenden. Für grünes Gas braucht man außerdem zwangsläufig erneuerbare Energien – und bei deren Ausbau setzt die aktuelle Bundesregierung gerade quasi auf Vollbremsung.

Wieso konzentriert sich die Bundesregierung dann auf Gas-Importprojekte wie Nord Stream 2 oder LNG-Terminals?

Diese Politik ist komplett verfehlt und zeigt wieder einmal die Janusköpfigkeit der Bundesregierung in Sachen Klimaschutz. Investitionen in eine neue Gasinfrastruktur für fossile Energieträger und den Import von Fracking-Gas aus den USA sind nicht mit den Klimazielen vereinbar und müssen sofort gestoppt werden.

Wird sich Deutschland alleine mit den heimisch erzeugten erneuerbaren Energien zu 100% versorgen können?

Deutschland wird weiterhin ein Energieimporteur bleiben, hierzulande erzeugter Wasserstoff wird unseren Energiebedarf nicht alleine decken können. Es kommt auf die richtige Reihenfolge an: Die Bundesregierung muss zunächst in die heimische Erzeugung von erneuerbarem Wasserstoff und eine entsprechende Infrastruktur investieren. Dazu gehört die finanzielle Unterstützung für Bau und Betrieb von Power-to-Gas-Anlagen, wo erneuerbar erzeugter Strom in Wasserstoff umgewandelt wird. Das erhält auch Wertschöpfung und Arbeitsplätze in einer Schlüsselindustrie in Deutschland. Die Deutsche Umwelthilfe fordert deshalb die Schaffung einer Anlagenkapazität bis 2025 von fünf Gigawatt. Außerdem müssen unsere Gasnetze eine höhere Beimischung von Wasserstoff zulassen. Dazu braucht es eine vollständige Umstellung der Netze sowie sämtlicher Endgeräte auf „H2-ready“.

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