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"Wir konnten eine Reihe fossiler Projekte stoppen"

Mittwoch, 22.12.2021

Sascha Müller-Kraenner fordert von Politik und Unternehmen ein deutlich ambitionierteres Vorgehen, unsere Energieversorgung nachhaltig umzubauen. Um die Biodiversität zu erhalten und die Klimaziele zu erreichen, kämpft der Bundesgeschäftsführer auf nationaler und internationaler Ebene für ökologische und soziale Standards in der Landwirtschaft und Landnutzung.

© STEFAN WIELAND

+++Das Interview ist in unserem Jahresbericht 2021 +++

Warum gilt Erdgas als „die neue Kohle“?

Erdgas ist ein fossiler Energieträger, der genauso klimaschädlich wie Kohle sein kann. Das Bundesverfassungsgericht hat uns durch seine Entscheidung vom März 2021 klar vorgegeben, dass wir unsere Volkswirtschaft schneller als bisher dekarbonisieren müssen. Diese Entscheidung geht auf die erfolgreiche von der DUH unterstützte Klage junger Menschen zurück. Neben dem Vorziehen des Kohleausstiegs bis 2030 darf auch Erdgas nur noch für eine kurze Zeit eine Rolle spielen. Deshalb ist es so wichtig, dass wir heute nicht mehr in neue Erdgasinfrastruktur investieren - seien es Heizungen, Kraftwerke oder Leitungen, die uns noch lange erhalten bleiben. Es ist weder energiewirtschaftlich notwendig noch klimapolitisch vertretbar, zusätzliche Gasimportkapazitäten zu schaffen, seien es Pipelines wie Nord Stream 2 oder Flüssigerdgasterminals, wie sie momentan an der norddeutschen Küste geplant sind. 2021 ist es uns gelungen, eine Reihe fossiler Projekte zu stoppen, beispielsweise das LNG-Terminal Wilhelmshaven und die Umrüstung des Kohlekraftwerks Tiefstack in Hamburg auf die Verbrennung sogenannten namibischen „Buschholzes“. Wir fordern für den Erdgassektor eine Gesamtplanung, die auf Dekarbonisierung und Klimaneutralität bis spätestens 2045 ausgerichtet ist. Deshalb wollen wir auch eine Änderung des Energiewirtschaftsgesetzes mit dem Ziel, dass sich der Gasnetzausbau in Zukunft an den Klimazielen orientiert, genau wie der Stromausbau schon heute.

Die DUH fordert ein bundesweites Verbot neuer Gasheizungen ab 2025?

Ja, wir fordern von der Bundesregierung, den Ausstieg aus dem fossilen Energieträger Gas in dieser Legislatur einzuleiten, weil jede neu eingebaute Gasheizung potenziell noch 2045 in Betrieb ist. Da soll Deutschland bereits klimaneutral sein. Das heißt nicht, dass bestehende moderne Gasheizungen nicht weiter betrieben werden, aber unser Gebäudebestand muss auf erneuerbare Heizsysteme umgestellt werden. Eine Voraussetzung dafür ist eine dramatische Verbesserung der Energieeffizienz. Mit Wärmepumpen, erneuerbarer Fernwärme oder solarthermischen Heizungsanlagen stehen uns schon heute erprobte und effiziente Technologien für die Wärmewende zur Verfügung. Hier brauchen wir eine Investitionsoffensive.

Warum klagt die DUH gegen Wintershall Dea?


Sowohl der Weltklimarat als auch der deutsche Sachverständigenrat für Umweltfragen haben festgestellt, dass uns ein begrenztes Kohlenstoffbudget zur Verfügung steht. Nicht nur Staaten, sondern auch große Unternehmen müssen sich im Rahmen dieses Budgets bewegen. Wintershall Dea ist eines der klimaschädlichsten Unternehmen Deutschlands und Europas. Wir drei DUH-Geschäftsführer haben den Konzern als Privatpersonen auf mehr Klimaschutz verklagt und verlangen von diesem größten deutschen Öl- und Gasunternehmen, sich zur Einhaltung eines CO2 -Budgets auf Basis der Pariser Klimaziele zu verpflichten. In der Konsequenz daraus ist es ganz zentral, dass die Wintershall Dea spätestens ab dem Jahr 2026 keine neue Erdöl- und Erdgasförderung mehr beginnt. Wir hoffen, dass allein die Aussicht auf eine Niederlage vor Gericht die Investoren dazu bewegt, im Unternehmen auf Veränderungen hin zu mehr Nachhaltigkeit und Klimaneutralität zu drängen.

Die Klimakatastrophe ist nicht nur in fernen Ländern spürbar. Dürre, Hochwasser und andere Wetterextreme sind längst auch in Deutschland angekommen. Welche Konsequenzen müssen wir daraus ziehen?

Es reicht nicht, nur die Treibhausgase zu reduzieren, wir müssen uns auch an die negativen Folgen des Klimawandels anpassen. Dafür müssen wir unsere Art der Landnutzung ändern: Wir brauchen eine andere Forst- und Landwirtschaft, die die Effekte des Klimawandels abmildert, Vielfalt sichert und den Boden schützt. Wir müssen den Flüssen mehr Raum geben, damit das Wasser langsamer abfließen kann, wenn es stark regnet. Den Kommunen kommt hier eine Schlüsselrolle zu. Wir brauchen eine andere Form der Stadtplanung, mehr Grünflächen, damit Wasser bei Starkregenereignissen versickern kann und mehr Verschattung, um bei Hitzewellen extreme Temperaturschwankungen abzumildern, die gerade für Ältere oder Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen ein hohes Gesundheitsrisiko darstellen. Viele Kommunen besitzen eigene Stadtwerke oder sind an ihnen beteiligt, über die Strom- und Wärmeversorgung spielen sie eine große Rolle bei der Dekarbonisierung. Auch die Verkehrspolitik ist ein wichtiges Gestaltungsfeld für Kommunen: mehr Platz für Fußgänger, Radfahrer, weniger Platz für die Autos und natürlich der systematische Ausbau der öffentlichen Verkehrsangebote.

Du setzt dich international gegen die Entwaldung ein. Wo siehst du die entscheidenden Hebel?

Unser Handeln, unsere Art des Wirtschaftens und Konsums haben Auswirkungen auf das Klima und die biologische Vielfalt weltweit. Ein verbindender Faktor sind die Lieferketten, unter anderem für landwirtschaftliche Produkte wie Soja als Tierfutter, für Palmöl oder forstwirtschaftliche Produkte wie Tropenholz. Wir fordern von der neuen Bundesregierung, dass sie in der EU darauf drängt, ökologische und soziale Standards in der Handelspolitik künftig stärker zu verankern. Das bedeutet ein strengeres Lieferkettengesetz in Deutschland und eine grundlegende Überprüfung von Handelsabkommen wie das geplante Abkommen zwischen der EU und dem Mercosur in Lateinamerika. Nach Protesten der DUH wurde jetzt Leder in die Liste der wichtigen Entwaldungstreiber in den EU-Gesetzentwurf gegen importierte Entwaldung aufgenommen. 2021 haben wir auch erreicht, dass der Ausstieg aus der Nutzung von Palmöl im Tank in Deutschland von 2026 auf 2023 vorgezogen wird.

Was muss sich in der deutschen Agrar- und Ernährungspolitik ändern?

Wenn wir die negativen Auswirkungen unserer Landwirtschaft auf Klima, Umwelt und biologische Vielfalt verringern wollen, dann kommen wir um Änderungen in der Massentierhaltung und Fleischproduktion nicht herum. Wir haben deutlich zu hohe Tier bestände, die Tiere werden auch falsch gehalten, teilweise unter tierquälerischen Bedingungen. Die industrielle Fleischproduktion führt zu erheblichen Umweltauswirkungen wie die Belastung der Luft und des Grundwassers. Der massenhafte Einsatz von Antibiotika in der industriellen Tierhaltung erzeugt Resistenzen und gefährdet damit auch die Gesundheit der Menschen. Deshalb setzen wir uns für eine Form der Landwirtschaft ein, die neben der Umwelt auch das Tierwohl respektiert, die weniger Fleisch, aber von höherer Qualität erzeugt. Hier brauchen wir natürlich auch verbindliche Kennzeichnungsregeln, um Konsumentinnen und Konsumenten zu ermöglichen, an der Fleischtheke über die Art der Tierhaltung abzustimmen. Eine der niedrighängenden Früchte auf dem Weg hin zu einer anderen Landwirtschafts- und Ernährungspolitik ist das Reduzieren der Lebensmittelverschwendung auf dem Acker, in Handel, Vertrieb und privaten Haushalten. Hier setzen wir uns für eine bessere Form der Kennzeichnung des Mindesthaltbarkeitsdatums ein, damit Lebensmittel nicht vorzeitig weggeschmissen werden. Aber auch für eine Pflicht für Supermärkte, die Lebensmittel, die aus dem Verkauf genommen werden, zu verschenken, weiter zu verwerten und sie nicht wegzuwerfen. Damit erreichen wir bei der Lebensmittelproduktion eine unmittelbare Reduktion des Flächenbedarfes und der Treibhausgase.

Gibt es schon konkrete Ideen, wie die DUH Politik und Unternehmen im Jahr 2022 für besseren Klimaschutz in die Pflicht nehmen will?

Wir werden uns mit aller Kraft dafür einsetzen, dass die neue Bundesregierung den Klimaschutz ernst nimmt und ein Klimaschutz-Sofortprogramm verabschiedet, was uns auf den 1,5-Grad-Pfad bringt. Wir werden aber weiterhin die Klimaschutzgesetze des Bundes und der Länder rechtlich überprüfen und auch einzelne Unternehmen in die Pflicht nehmen, die durch ihre Art des Wirtschaftens besonders zur Klimakrise beitragen.

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