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Warum im Sengal kein Gas, Öl und Zirkon abgebaut werden darf - ein Gespräch mit dem senegalischen Aktivisten und Landwirt Ass Malik

Mittwoch, 26.10.2022

Die deutsche Regierung versucht, sich mit verflüssigtem Erdgas aus der ganzen Welt zu versorgen. Das hat nicht nur enorme Auswirkungen auf die globale Erhitzung sondern auch auf die betroffenen Menschen in den Herkunftsländern. Wir sprachen mit Elhadji Malick Sow, bekannt als Ass Malik, einem Aktivisten und Landwirt aus Senegal, der von Europas "Energiegier" direkt betroffen ist.

Hallo Ass, kannst du uns ein bisschen über deine Person erzählen?

Ich lebe mit meiner Familie in Kayar, dem größten handwerklichen Fischereihafen Senegals. Dort leben 50.000 Menschen und die Stadt ist 55 Kilometer von der Hauptstadt Dakar entfernt. Ich bewirtschafte mein Land mit Bio-Anbaumethoden und bin außerdem Fischer. Zudem bin ich Vorsitzender des "Kollektiv für die Verteidigung der Niayes-Region" (CDN), und Vizepräsident auf nationaler Ebene und Vorsitzender meiner regionalen Sektion des "Verein für die Förderung von Agrarprodukten aus Senegal".

Was ist das aktuelle Problem dort und wogegen engagierst du dich im Moment?

Das Gebiet Niayes liegt im nördlichen Teil des Senegal und erstreckt sich über 180 Kilometer Länge und 30 Kilometer Breite (von Dakar bis Saint-Louis). Das Klima dort ist sehr günstig für Landwirtschaft und Fischerei. 60 Prozent der Arbeitsplätze im Senegal insgesamt befinden sich dort. Circa 30 Prozent der Arbeitsplätze im Fischereisektor und 80 Prozent der landwirtschaftlichen Produkte des Landes kommen aus diesem Gebiet. Es sollte wegen seines Reichtums von der Regierung geschützt werden, denn dort findet die wichtigste Wertschöpfung in Senegal statt - wenn es zerstört wird, wäre das eine Katastrophe!

Aber es ist in Gefahr. Denn leider wird in Niayes bereits seit 2004 Gas und Öl auf dem Festland gefördert; seit 2014 das Mineral Zirkon und ab 2023 soll Gas dann direkt vor der Küste gefördert werden. All dieser ganze Abbau von Rohstoffen bedeutet letztendlich: Sie bringen uns um.

Warum? Kannst du das näher erläutern?

Nehmen wir als Beispiel den Abbau von Zirkon oder des Onshore-Gases. Für den Abbau von Zirkon in der Niayes-Zone zum Beispiel haben die Bergbauunternehmen den Bäuerinnen und Bauern das Land weggenommen, ganze Dörfer umgesiedelt und ihre Friedhöfe zerstört. Zwar gab es öffentliche Anhörungen. Danach haben die Unternehmen dann aber gemacht, was sie wollen, indem sie zum Beispiel Dokumente manipulierten. Es gibt viel Korruption. Die Betroffenen erhalten normalerweise 300.000 senegalesische Francs - das sind etwa 460 Euro - als Entschädigung für den Verlust ihres Landes und ihrer Häuser – das ist nichts! Die Unternehmen geben ihnen manchmal, und nur manchmal, neue Häuser, die viel kleiner sind. Ich habe viele Familien gesehen, die in der Küche schlafen, weil sie keinen anderen Platz haben. Die Konsequenz: Sie verarmen. Viele wissen nicht, woher das nächste Essen kommen soll.

Welche Auswirkungen haben die neuen Gas- und Ölprojekte im Meer?

Wenn 2023 mit der Förderung von Öl und Gas im Meer begonnen wird, werden viele andere Gemeinden in der Niayes-Zone der gleichen schrecklichen Situation ausgesetzt sein. Die Anlagen und die Infrastruktur für diese Offshore-Projekte werden sich nicht nur im Meer befinden, sondern auch an der Küste: Viele Küstendörfer werden verwüstet werden. Viele Menschen werden ihr Land, ihre Häuser und ihre Arbeitsplätze verlieren. Zwischen 600.000 und 850.000 Menschen arbeiten direkt in der Fischerei. Die Öl- und Gasindustrie hingegen wird nicht viele neue Arbeitsplätze schaffen. Und was noch schlimmer ist: Es werden ganze Ökosysteme zerstört, Wasser und Land werden immer stärker verschmutzt.

Wie beeinflusst der Abbau von fossilen Energien die Natur konkret?

Früher gab es ab 3 Meter Tiefe Trinkwasser, heute nur noch ab 15 Metern - und jedes Jahr wird es schlimmer. Denn die Unternehmen nutzen das Wasser für den Abbau der Rohstoffe. Außerdem ist das Land salzhaltiger geworden. Von den ehemals 3.800.000 Hektar Ackerland sind bereits 45 Prozent versalzen. Wenn das so weitergeht, werden die Menschen, die noch Land haben, dieses nicht mehr bewirtschaften können und ebenfalls im Elend leben - oder sogar sterben.

Eine weitere Folge können ethnische Konflikte und Bürgerkriege sein. Das wird dadurch begünstigt, dass ausländische Rohstoff-Konzerne Menschen von ihrem Besitz vertreiben, ihr Land und ihre Lebensgrundlagen zerstören. Natürlich sind die Menschen verzweifelt. Die Länder des globalen Nordens nutzen dies aus, ihre Waffen schüren Konflikte: Es sind oft europäische Regierungen und Unternehmen, die afrikanische Regierungen bewaffnen. Diese bewaffnen wiederrum Aufständische, damit sie die Ressourcen in Ruhe ausbeuten können. Häufig ist dann von „Dschihadisten“ und Terrorismus die Rede, aber das ist ein unvollständiges Bild. Es verbirgt, dass diese Konflikte häufig von den Aktivitäten ausländischer Konzerne ausgelöst werden. Wo es fossile Ressourcen und Mineralien gibt, gibt es Konflikte und Krieg, in denen auch ausländische Unternehmen involviert sind. Ein Paradebeispiel ist Mosambik, wo die Verbindung zwischen Militarisierung und Gasförderung sehr deutlich ist. Wenn die Europäer uns in Ruhe lassen würden, würden diese Kriege aufhören. Aber sie wollen nicht, dass es in Afrika Frieden gibt, denn wenn es Frieden gibt, können sie unsere Ressourcen nicht ausbeuten.

Wie wirkt sich das auf Sie persönlich aus?

Es ist sehr schwer: Manchmal finde ich keine Worte, um mich auszudrücken, und mir kommen nur die Tränen. Ich wiederhole: ausländische Fossile- und Bergbauunternehmen bringen uns um! Das, was unserer Bevölkerung Wohlstand gebracht hat, vor allem die Landwirtschaft, verschwindet. Das betrifft auch die Fischerei: Aufgrund von Abkommen im Zusammenhang mit Offshore-Gasprojekten ist es nun verboten, in bestimmten Gebieten zu fischen. Die internationalen Fischer fischen in den für sie vorgesehenen Hochseegebieten, aber auch illegal dort, wo wir fischen. Das ist schrecklich für uns! Mehrere senegalesische Fischer sind sogar bei Unfällen mit internationalen Fischerbooten ums Leben gekommen.

Wir sind von der Sklaverei zum Neokolonialismus übergegangen. Der Senegal wird sich nicht mit Öl und Gas entwickeln können. Ich denke an die Zukunft meiner Kinder und deren Kinder. Wenn man Landwirtschaft betreibt, kann man auch ohne Geld in einer Krise überleben, weil man etwas zu essen hat. Doch wenn uns die Ressourcen ausgehen, kann das langfristig zu Kriegen führen. Am Ende werden wir uns gegenseitig umbringen.

Gibt es im Senegal Institutionen oder Organisationen, die versuchen, den betroffenen Gemeinden zu helfen?

Niemand aus Dakar reist nach Kayar, um sich über unsere Situation zu erkundigen. Ich rate internationalen Organisationen und NGOs: Sehen Sie sich die Situation selbst an, sprechen Sie direkt mit den Betroffenen! Wir sehen nicht ein, dass Leute, die nicht zu unseren Gemeinden gehören und die uns nie besucht haben, für uns sprechen! Es liegt an uns Bauern und Fischern, die lokale Bevölkerung darüber aufzuklären, was vor sich geht, was auf dem Spiel steht, und zu versuchen, Druck auf die NGOs in der Hauptstadt und auf die Regierung auszuüben.

Wie organisieren Sie sich?

Meine Gruppe, das CDN, wird am 26. Oktober eine große Mobilisierung gegen die Ausbeutung der drei Ressourcen (Gas, Öl und Zirkon) in der Niayes-Region organisieren. Wir erwarten mehr als zehntausend Menschen. Jedes Dorf ist dabei. Unser Motto lautet: "Wenn die Fischerei und die Landwirtschaft verschwinden, wird die gesamte Wertschöpfungskette der Region verschwinden. Wenn wir sterben, werden alle sterben".

Was fordern Sie von Ihrem Präsidenten und der deutschen Regierung?

Ich fordere den Präsidenten Macky Sall auf, alle Projekte zur Ausbeutung von Gas und Öl sowie von Zirkon zu stoppen. Außerdem fordere ich die Regierung auf, das Land an die Landwirte zurückzugeben. Artikel 25 der Verfassung lautet: "Die natürlichen Ressourcen gehören dem Volk". Es ist Zeit, dass das endlich auch umgesetzt wird! Außerdem fordere ich, dass die deutsche Regierung aufhört, die Afrikaner auszubeuten, um an ihre Ressourcen zu kommen. Dann wollen sie uns sogenannte Ernährungshilfe geben – dass ich nicht lache! Was wir stattdessen brauchen sind unser Felder!

Man sollte auch beachten, dass es nicht nur Europa und die USA sind, die unsere Ressourcen plündern: China, Südkorea und Indien sind ebenfalls Teil des Diebstahls. Während die Staaten dem Gas nachjagen, um ihren Wohlstand aufrechtzuerhalten, leben wir im Elend. Für Sie ist es Luxus, für uns eine Frage des Überlebens. Ich fordere die deutsche Regierung auf, den Senegal zu besuchen und sich die Auswirkungen dieser fossilen Projekte anzusehen.

Was schlägst du vor, was Deutschland tun sollte, anstatt Gas aus dem Senegal und anderen afrikanischen Ländern zu importieren?

Es gibt Alternativen zu Gas und Öl: grüne Energie. Nutzen Sie sie! Sie können Erneuerbare Energie in großem Maßstab direkt in Ihren eigenen Gebieten erzeugen. Das ist durchaus möglich, aber angesichts der fossilen Lobby fehlt es an politischem Willen.

Das Produktions- und Konsumniveau vor allem der reichsten Menschen im Globalen Norden muss gesenkt werden, da es derzeit lächerlich hoch ist. Deutschland muss Energie sparen – das könnte sehr einfach geschehen – doch das scheint nicht gewollt zu sein, da die Gier der deutschen Industrie gesättigt werden soll.

Hat und kann Deutschland eine positive Rolle in Bezug auf den Senegal spielen?

Ich sehe keine positiven Auswirkungen durch Deutschland im Senegal. Am besten: Lassen Sie uns einfach in Ruhe. Und streichen Sie die ungerechten Schulden, die uns erdrosseln.

Was ist schlussendlich dein Traum für den Senegal?

Ich stelle mir mein Land ohne die Ausbeutung von Gas, Öl und Zirkon vor. Die Fischerei und die Landwirtschaft sind als Wirtschaftsmotor meiner Region wieder sehr stark. Die Energieinfrastruktur für Solar- und Windenergie wurde durch unsere Bemühungen aufgebaut und wird von der lokalen Bevölkerung verwaltet.

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