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Intensive Landwirtschaft belastet unser Grundwasser und die Umwelt

Donnerstag, 19.01.2017

Alle vier Jahre legt die Bundesregierung der europäischen Kommission ihren Nitratbericht vor. Der im Januar 2017 veröffentlichte Nitratbericht des Bundesumwelt- und des Landwirtschaftsministeriums belegt: Unser Grundwasser ist mit Nitrat belastet und es gibt kaum Anzeichen für eine Verbesserung. Grund dafür ist der Stickstoffüberschuss in der Umwelt, verursacht vor allem durch die intensive Landwirtschaft. Wie es dazu kommt und was dagegen unternommen werden muss, beantwortet Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer der DUH.

© DUH / Heidi Scherm

Warum ist unser Grundwasser mit Nitrat belastet?

Nitrate werden von vielen Pflanzen zum Wachstum benötigt, daher sind sie Bestandteil vieler Düngemittel. Die intensive Landwirtschaft und Überdüngung führt in vielen Regionen, vor allem dort wo intensive Viehwirtschaft betrieben wird, zu einem Anstieg der Nitratkonzentration im Boden. Die Überschüsse, die von Pflanzen nicht aufgenommen werden können, gelangen dann in das Grundwasser.

Wie hoch ist die Belastung des Grundwassers?

Laut Nitratbericht wird an 28 Prozent der Grundwassermessstellen der zulässige Nitratgehalt von 50 Milligramm pro Liter überschritten. Die Grenzwerte an Flüssen und Seen werden sogar flächendeckend überschritten.

Und ist dadurch unser Trinkwasser gefährdet?

Langfristig gesehen schon. Unser Trinkwasser wird bislang so aufbereitet, dass es den Grenzwert nicht übersteigt. Doch manche Wasserwerke haben schon jetzt Probleme, das Wasser entsprechend zu reinigen. Einige Trinkwasserquellen im Norden Deutschlands wurden bereits geschlossen. Je mehr das Grundwasser verschmutzt ist, desto aufwändiger wird die Aufbereitung in den Wasserwerken. Das treibt den Wasserpreis nach oben.

Ist Nitrat für den Mensch gefährlich?

Nitrat selbst ist für den Menschen relativ unbedenklich, im Körper kann daraus aber Nitrit entstehen. Nitrite blockieren den Sauerstofftransport im Blut, was vor allem für Säuglinge gefährlich ist. Aber vor allem schadet Nitrat der Umwelt.

Welche Auswirkungen hat Nitrat auf die Umwelt?

Im Moment gelangen die größten Mengen an Nitrat aus der Landwirtschaft in unser Grundwasser, in Flüsse, Seen und Küstengewässer. Es verändert Böden, zerstört die biologische Vielfalt und heizt durch Bildung von Lachgas den Klimawandel an. Um zwei Beispiele zu geben: Schnell wachsende Pflanzenarten wie Brennnessel bekommen einen Vorteil durch das viele Nitrat im Boden, überwuchern andere Arten und behindern sie so beim Wachsen. Bäche oder Seen werden trübe, weil der hohe Stickstoffgehalt das Algenwachstum begünstigt. Darunter leidet letztlich das ganze Ökosystem des Baches oder des Sees.

Doch Nitrat ist nicht das einzige Problem – wir haben es insgesamt mit einem zu viel an Stickstoff zu tun…

Richtig! Nitrat gehört zu den sogenannten reaktiven Stickstoffverbindungen. Ebenso wie auch Ammoniak, Stickstoffoxide, Lachgas und Ammonium. Grundsätzlich sind alle diese Stoffe wichtig für das Leben auf unserem Planeten – jedoch nicht, wenn zu viel davon in die Umwelt gelangt.

Was ist die Ursache für zu viel an Stickstoff in der Umwelt?

Neben der Landwirtschaft entströmen schädliche Stickstoffverbindungen auch aus Dieselmotoren und Kohlekraftwerken.

Wie ernst ist die Lage?

Sehr ernst. Unsere Ökosysteme haben ihre Belastungsgrenze für Stickstoff längst überschritten und Deutschland hat ein gewaltiges Gülleproblem. Oder anders angesagt: Stickstoff ist eines der drängendsten Umweltprobleme, mit denen wir uns derzeit konfrontiert sehen. Die Europäische Kommission hat Deutschland Ende 2016 sogar aufgrund der hohen Nitratbelastung vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) verklagt. Sollte Deutschland vom EuGH verurteilt werden, müsste die Bundesregierung mit einer Geldstrafe in sechsstelliger Höhe rechnen.

Was unternimmt die Bundesregierung um das Problem zu beheben?

Leider noch viel zu wenig. Seit Jahren besteht dringender Handlungsbedarf; besonders im Düngerecht. Doch die notwendige Gesetzesreform wurde jahrelang verzögert. Die Bundesregierung beugt sich viel mehr den Profitinteressen der Agrarlobby, als sich engagiert für den Umweltschutz einzusetzen. Derzeit liegen die Düngeverordnung und das Düngegesetz als Entwurf vor. Es bleibt abzuwarten, ob mit den Neuregelungen die notwendige Senkung der Nitratbelastung erreicht wird. Gut möglich, dass die Kommission weitere Nachbesserungen fordert.

Wie kann das Problem gelöst werden?

Die Neuauflage der Düngeverordnung muss möglichst schnell in Kraft treten und die zuständigen Behörden die Anwendung besser kontrollieren als es bislang der Fall ist. Verstöße müssen auch entsprechend geahndet werden können. Grundsätzlich gilt jedoch: Die Novellierung ist ein erster Schritt in die richtige Richtung, aber alleine nicht ausreichend.

Welche weiteren Maßnahmen müssen ergriffen werden?

So schnell wie möglich sollte eine Stoffstrombilanz, oder auch Hoftorbilanz genannt, für alle Betriebe eingeführt werden. Es muss sichergestellt werden, dass Grenzwert von maximal 50 Milligramm Nitrat pro Liter eingehalten wird. Die Landwirtschaft muss in die Pflicht genommen werden: Es kann und darf nicht sein, dass die Mehrkosten für die Reinigung des Grundwassers von Wasserversorgern und Verbrauchern getragen werden. Wer Schäden verursacht, muss auch dafür aufkommen sie zu bereinigen. Außerdem muss es kürzere Einarbeitungsfristen für Wirtschaftsdünger geben, um gesundheitsgefährdende Ammoniakemissionen deutlich zu reduzieren. Letztendlich benötigen wir aber einen radikalen Paradigmenwechsel.

Wie müsste dieser Paradigmenwechsel aussehen?

Wenn sich die Art, wie wir wirtschaften und Landwirtschaft betreiben, nicht radikal ändert, wird sich auch die Stickstoffbelastung nicht verringern. Maßnahmen auf dem Papier reichen nicht aus. Sie bekämpfen lediglich die Symptome der Stickstoffüberlastung, gehen aber den Kern des Problems nicht an. Wir müssen weg von der Massentierhaltung und Biogasanlagen. Auch dreckige Dieselmotoren, die unsere Luft mit Stickoxiden belasten, müssen durch umweltfreundliche Alternativen ersetzt werden. Und zwar schnell. Die Bundesregierung muss dringend ihre Prioritäten überdenken und  im Sinne des Umweltschutzes handeln, statt weiterhin vor den Interessen der Lobbyisten einzuknicken.

Kann der Verbraucher auch etwas unternehmen?

Definitiv, ja! Jeder Einzelne kann seinen Anteil am Stickstoffüberschuss senken, beispielsweise in dem man weniger tierische Produkte isst und weniger Lebensmittel wegwirft. Auch durch die Wahl eines umweltschonenden Verkehrsmittels oder grüne Energienutzung kann jeder seinen ökologischen Fußabdruck verkleinern.

Mehr erfahren über die neue Initiative von 10 Institutionen: „Stoppt die Gülle-Verschmutzung – Schützt unser Wasser!“

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