Keine neuen Leitungen für fossiles Gas

Die Deutsche Umwelthilfe sieht keinen Bedarf für zusätzliche Pipelines für den Erdgas-Import. Der Gasbedarf in Deutschland und Europa muss sinken, um die Klimaziele zu erreichen. Zudem entstehen bei der Förderung und Verbrennung von Erdgas klimaschädliche Treibhausgase. Stattdessen müssen erneuerbare Energien und Effizienz vorangebracht werden.

Deutschland deckt seinen Erdgasbedarf zum größten Teil über Importe aus Russland, Norwegen und den Niederlanden. Die Import-Kapazitäten sind vollkommen ausreichend. Wie eine Studie des Umweltbundesamts belegt, wird der Erdgasbedarf bei Einhaltung der Klimaziele zurückgehen. Ursache sind der Umstieg auf erneuerbare Energien und steigende Energieeffizienz.

Problematisch ist nicht nur das CO2, das bei der Verbrennung von Erdgas entsteht. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass bei Förderung, Verarbeitung und Transport von Erdgas an verschiedenen Stellen Methan entweicht – Hauptbestandteil von Erdgas und ein Gas, das noch viel klimaschädlicher als CO2 ist.

Noch immer spielen in Deutschland und Europa Klimaaspekte bei der Planung von Gas-Pipelines keine Rolle. Das muss sich ändern. Die Lebensdauer dieser neuen Infrastruktur beträgt mindestens 30 bis 50 Jahre. Sind sie erst einmal gebaut, ist für viele Jahre die Nutzung von fossilem Gas zementiert. Die Deutsche Umwelthilfe fordert, neue Infrastruktur nur noch im Einklang mit den Klimazielen zu bauen.

Nord Stream 2

Die Deutsche Umwelthilfe stellt beim Bergamt Stralsund einen Antrag, die Bau- und Betriebsgenehmigung der Nord Stream 2 Pipeline zu überprüfen. Ein Rechtsgutachten belegt die Notwendigkeit für ein Moratorium zur Nord Stream 2 Pipeline. Demnach gibt es seit der Erteilung der Baugenehmigung 2018 neue Erkenntnisse zu Emissionen von Methan aus Förderung, Verarbeitung und Transport des Erdgases, denen im Zusammenhang mit der Pipeline nachgegangen werden muss. Hintergrund sind die Klimaziele, die durch solche Methan-Leckagen gefährdet sind. Die Leitung Nord Stream 2 soll Erdgas aus Russland durch die Ostsee nach Deutschland transportieren.

Erdgas besteht zum größten Teil aus Methan. Bei der Förderung, dem Transport und der Nutzung von Erdgas kommt es zu geringen Gasverlusten, den sogenannten Methan-Leckagen. Das bedeutet, dass Methan beispielsweise an dem Ort, an dem es gefördert wird oder entlang des Transports in kleinen Mengen in die Atmosphäre entweicht. Dass es zu solchen Leckagen kommt, ist unumstritten. Unklarheit aufgrund fehlender Messdaten herrscht allerdings über die Frage, in welchem Umfang die Gasindustrie Methan-Emissionen verursacht. Neuere Studien weisen darauf hin, dass die Leckagen höher sind, als bisher von der Industrie angegeben.

Methan – chemisch CH4 – ist ein potentes Treibhausgas, das etwa ein Viertel des menschengemachten Klimawandels verursacht. Methan heizt das Klima über einen Zeitraum von 20 Jahren etwa 84-mal stärker an als CO2. Während CO2 bis zu Jahrhunderten nach der Emission in der Atmosphäre verbleibt, ist Methan ein kurzlebiges Treibhausgas, das nach etwa 10 Jahren zerfällt. 

Diese kurzfristige Wirkung von Methan ist besonders bedeutsam, wenn wir das 1,5 Grad-Ziel einhalten und die Überschreitung von so genannten Klima-Kipppunkten wie z.B. das Auftauen von Permafrostböden oder das Abschmelzen des grönländischen Festlandeises in unmittelbarer Zukunft verhindern möchten. Während die CO2-Vermeidung langfristig das Klima stabilisiert, können Methanreduktionen das Tempo des Klimawandels verringern. Die Klimakrise ist bereits so akut, dass wir jede kurzfristige Lösung nutzen müssen.

Eine neue Studie, die im Februar 2020 im Nature Magazin veröffentlicht wurde, kommt zu dem Schluss, dass die Menge an Methan-Emissionen aus der Öl- und Gasindustrie sowie der Kohleindustrie (menschengemachte fossile Emissionen) 25 bis 40 Prozent höher ist als ursprünglich angenommen. Dabei haben Wissenschaftler kleine Lufteinschlüsse im grönländischen Eis untersucht. So haben sie die Zusammensetzung der Atmosphäre zu verschiedenen Zeitpunkten vor und nach dem Beginn der Industrialisierung untersucht und verglichen. Erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts werden fossile Energieträger in bedeutendem Umfang genutzt.

Die Öl- und Gasindustrie führt entlang ihrer Infrastruktur im begrenzten Umfang Messungen zu Methan-Leckagen durch. Sie misst beispielsweise Emissionen an einzelnen Ventilen (Komponenten) und rechnet diese auf die Gesamtanzahl der vorhandenen Ventile hoch. D.h. Messergebnisse beruhen auf einzelnen Messdaten sowie Hochrechnungen. Hierbei handelt es sich um die sogenannte Component-Level-Methode (Komponenten-Messung). Daten zu den Methan-Leckagen beruhen bisher größtenteils auf Daten, die die Öl- und Gasindustrie selbst angibt, es gibt nur wenige unabhängige und überprüfbare Quellen. In Russland gibt es bisher keine solchen Messungen.

In den USA wurden in den vergangenen Jahren von unabhängiger Seite Messungen zu Methan-Emissionen durchgeführt, um die Selbstangaben der Öl- und Gasindustrie zu prüfen. Dabei kam heraus, dass die Leckagen etwa 60 Prozent höher sind als angenommen. Hier wurde eine neue Messmethode eingesetzt, die Methan-Emissionen gesamter Anlagen erfasst. Anstatt nur wenige Zentimeter neben einzelnen Komponenten mit einem Messgerät zu messen, wurden am Boden mehrere Meter außerhalb von ganzen Produktions- oder Förderanlagen gemessen. Außerdem wurde in der Luft mehrere Hundert Meter oberhalb solcher Anlagen gemessen, zum Beispiel per Flugzeugmessung. Diese Anlagen-Messung liefert im Vergleich zur Komponenten-Messung ein vollständigeres Bild der Methan-Leckagen gesamter Anlagen der Gasindustrie. Diese Messmethode dient vor allem dem Zweck, die Auswirkungen auf die Umwelt korrekt zu erfassen.

Die Deutsche Umwelthilfe hat beim Bergamt Stralsund einen Antrag auf Überprüfung der Genehmigung von Nord Stream 2 gestellt. Das Bergamt Stralsund hat 2018 die Planfeststellung für die Nord Stream 2 Pipeline im deutschen Küstengewässer erlassen und im Zuge dessen eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchgeführt. Da es seitdem neue Erkenntnisse zu Methan-Emissionen und der Klimawirksamkeit von Erdgas gibt, fordert die DUH vom Bergamt Stralsund, die Genehmigung von Nord Stream 2 zu überprüfen und dabei auch die neue Messmethode zu berücksichtigen. Der mögliche Methanausstoß der neuen Leitung muss erneut untersucht und bei Bedarf Maßnahmen zur Vorkehrung oder zum Ausgleich getroffen werden. Da es ein langer Prozess sein wird, solche unabhängigen Messdaten aus Russland zu erhalten, setzt sich die DUH dafür ein, Infrastruktur-Projekte zunächst zu stoppen. Es ist dem Klimaschutz nicht damit geholfen, unnötige Investitionen in Gasleitungen zu lenken, deren Nutzung den Klimawandel letztlich verschlimmert.

Beim Bau jeglicher Infrastruktur sollte man wirklich sicher sein, dass der Klimaschutz gewährleistet wird. In Bezug auf die Nutzung von Erdgas und die Methan-Emissionen in Russland herrscht jedoch große Unsicherheit. Es gibt keine soliden Messdaten zu Leckagen von Methan in Russland. Wenn verfügbar, sind die Daten nicht transparent und überprüfbar und damit auch nicht verlässlich. Es gibt zudem keine unabhängig gemessenen Daten, sondern nur solche von den dortigen Gasunternehmen selbst. Es wird davon ausgegangen, dass die Klimabilanz von russischem Erdgas schlechter ist, als Statistiken derzeit anzeigen.

Europa ist der größte Gasmarkt und Gasimporteur der Welt. Auch Deutschland deckt seinen Erdgasbedarf zum größten Teil über Importe, nämlich aus Russland, Norwegen und den Niederlanden. Zusätzliche dauerhafte Import-Kapazitäten im Umfang einer Leitung wie der Nord Stream 2 Pipeline sind nicht notwendig, da der Gasbedarf in ganz Europa in Zukunft sinken wird. Zwar kann es im Zuge des Kohleausstiegs kurzfristig zu einem Anstieg des Gasbedarfs kommen. Jedoch kann damit nicht der Bau einer Pipeline gerechtfertigt werden, die etwa 30 bis 50 Jahre und damit weit über das Jahr 2050 hinaus betrieben wird. Laut Pariser Klimaziel muss der Ausstoß von Treibhausgasen 2050 bei nahezu 0 liegen.

Theoretisch ist es möglich, in Pipelines für Erdgas auch Wasserstoff zu transportieren. Dazu müsste die Infrastruktur zumindest nicht vollständig umgerüstet werden. Es sind allerdings keine Pläne bekannt, dass Russland in die Produktion von grünem Wasserstoff, gewonnen aus Erneuerbaren Energien, einzusteigen gedenkt. Im Gegenteil: Es gibt Hinweise, dass Russland weiterhin Erdgas exportieren möchte und dieses erst nach Anlandung in Deutschland mittels CCS-Technologie (Carbon Capture and Storage) zu Wasserstoff weiterverarbeitet werden könnte. Davon hält die Deutsche Umwelthilfe jedoch nichts, denn es handelt sich dann noch immer um fossile Energie.

Um die Klimaziele zu erfüllen, müssen wir vollständig aus allen fossilen Energien aussteigen. Je nach Anwendungsbereich gibt es unterschiedliche Lösungen, um Emissionen zu vermeiden. Allen voran steht immer mehr Effizienz und Energieeinsparung. Die Stromerzeugung muss zu 100 Prozent aus Erneuerbaren Energien, vorwiegend aus Wind und Sonne, erfolgen. 

Einige Industriezweige und der Luft- und Seeverkehr benötigen weiterhin gasförmige Energieträger oder flüssige Kraftstoffe. Diese können aus erneuerbarem Strom, Wasser und CO2 aus der Luft synthetisiert werden und sind dann klimafreundlich. Es gibt bereits sehr viele Studien, die solide Szenarien für alle Anwendungsbereiche liefern. Hier ist jetzt die Politik gefragt, nötige Entwicklungen dafür zu fördern.

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Constantin Zerger
Leiter Energie und Klimaschutz
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