Pressemitteilung

"Wir brauchen ein Lieferkettengesetz mit Zähnen"

Mittwoch, 16.12.2020

Sascha Müller-Kraenner legt sich als Bundesgeschäftsführer mit der Erdgaswirtschaft an. Großinvestitionen in Infrastrukturprojekte für fossile Energien hält er für unzeitgemäß. Als Ziel im Naturschutz formuliert er ein neues Leitbild für die Landwirtschaft.

© Finke / DUH

+++ Das Interview ist in unserem Jahresbericht 2020 erschienen +++

Die Agrarwende spielt eine große Rolle in der Arbeit der DUH. Warum?


In Deutschland und auch weltweit ist die Landwirtschaft der Haupttreiber des Artensterbens und des Verlustes an biologischer Vielfalt. Wir stecken, was den Naturschutz angeht, in einer riesengroßen historischen Krise. Aber gleichzeitig kommt die Landwirtschaft auch aus anderer Sicht in eine Legitimationskrise. Es gibt immer wieder Lebensmittelskandale, Kritik an der Tierhaltung und es gibt die wirtschaftliche Krise der Bäuer*innen. Die jetzige Form der Agrarpolitik und -förderung funktioniert nicht mehr.

Wo müssen wir ansetzen?

Die Agrarsubventionen sind der entscheidende Hebel. Diese kommen zu einem guten Teil von deutschen Steuerzahler*innen. Wir brauchen nicht mehr Masse, sondern Klasse. Die Förderung muss gezielt für eine Ökologisierung der Landwirtschaft und mehr Tierwohl eingesetzt werden.

Dafür brauchen wir ein neues Leitbild: die naturnahe Landwirtschaft. Sie muss in Deutschland in die ganze Fläche kommen. Der Ökolandbau spielt als Vorbild eine wichtige Rolle. Der Graben zwischen Bio-Landwirtschaft und konventioneller Landwirtschaft muss jedoch verschwinden. Die Landwirtschaft muss insgesamt ökologischer gestaltet werden.

Wird es Einschnitte für Landwirt*innen geben?

Es muss natürlich Änderungen bei den Bewirtschaftungsformen geben. Vor allem müssen wir die Tierdichte reduzieren und zu einer flächenbezogenen Tierhaltung kommen. Dadurch kommen wir auch zu einer reduzierten Nährstoffbelastung, beispielsweise durch die Gülleausbringung. Eine flächengebundene Tierhaltung wird auch dafür Sorge tragen, dass weniger Futtermittel importiert werden müssen.

Insgesamt braucht das Wirtschaften in unserer Kulturlandschaft eine erhöhte Wertschätzung durch die Gesellschaft und weiter öffentliche Förderung. Die finanzielle Unterstützung brauchen vor allem die nachhaltigen Bewirtschaftungsformen wie der Ökolandbau.

Wie können Verbraucher*innen zu Partnern der Agrarwende werden?

Wir geben historisch wenig für Ernährung aus im Vergleich zu anderen Konsumgütern wie Elektrogeräte, Unterhaltungselektronik oder das Auto. Eine gute und gesunde Ernährung muss den Verbrauchern zukünftig etwas wert sein. Hier muss mehr in die Ernährungsbildung investiert werden. Dazu gehört auch der Kampf gegen die unsägliche Lebensmittelverschwendung. Ein Drittel aller Lebensmittel, die unsere Bäuer*innen produzieren, wandert auf den Müll. Das ist eine Respektlosigkeit sondergleichen.

Wir appellieren gerade an diejenigen, die es sich leisten können, stärker auf qualitativ hochwertige, ökologisch produzierte Lebensmittel zu achten. Gleichzeitig müssen gesunde Lebensmittel aus naturnaher Landwirtschaft zukünftig für alle Menschen erschwinglich sein.

Die Agrarwirtschaft beeinträchtigt auch die Luft und das Klima.

Ja, das ist richtig. Große Teile unserer Landwirtschaft sind nicht mehr kleinbäuerliche, sondern industrielle Betriebe, die mit ihren Emissionen Luft, Wasser und Klima belasten. Nitrat belastet das Grundwasser, Ammoniak aus der Massentierhaltung ist eine wichtige Quelle für Feinstaub. Und es gibt die Emissionen von Klimagasen, vor allem Methan aus der Rinderhaltung.

Was schlägt die DUH vor?

Die Gesetze, die wir uns selber gegeben haben, müssen eingehalten werden. Beispielsweise EU-weite Grenzwerte. Dafür setzt sich die DUH ein. Wir fordern aber auch ein strengeres Düngerecht in Deutschland, Grundwasser darf nicht mit Nitrat aus Gülle belastet sein. Und die Landwirtschaft muss ein eigenes anspruchsvolles Klimaziel erhalten, ihre Methanemissionen müssen sinken.

Die Massentierhaltung in Deutschland setzt auf Soja als Futtermittel. Dafür werden in Südamerika Regenwälder abgebrannt. Die Umwelthilfe klärt über diesen Zusammenhang auf.

Die Art der Tierhaltung, die wir in Deutschland betreiben, ist auf den Export und auf billige Massenproduktion ausgerichtet. Das ist in dieser Form nur möglich, weil wir Eiweißfuttermittel, vor allem Soja aus Lateinamerika, importieren. Es gibt also einen direkten Zusammenhang zwischen biologischer Vielfalt im Amazonasgebiet und der Massentierhaltung in Deutschland. Soja ist der Brandbeschleuniger für die südamerikanischen Wälder. Die ökologische Zerstörung betrifft sowohl wertvolle tropische Trockenwälder als auch den Regenwald. Das bedroht natürlich die Tierarten dieser Lebensräume. Deshalb haben wir den Jaguar als Symboltier für unsere Kampagne ausgewählt.

Wir fordern einen internationalen Regelungsrahmen für Soja und analog für Palmöl, Kakao, Tropenholz und andere Produkte aus tropischen Regionen. In Deutschland setzen wir uns für ein striktes und verbindliches Lieferkettengesetz ein.

Wie müsste das konkret aussehen?

Uns geht es darum, dass ein Lieferkettengesetz nicht nur Mindeststandards bei Arbeitsschutz und Menschenrechten berücksichtigt, sondern auch Umweltziele. Wir brauchen ein Lieferkettengesetz, das Zähne hat. Verpflichtungen müssen in den Unternehmen kontrolliert werden. Und wir brauchen hier die Klageberechtigung von NGOs, um Verstöße überprüfen lassen zu können.

Wie geht die DUH vor, um ein Lieferkettengesetz zu erreichen, das Entwaldung und Landraub verhindert?


Wir arbeiten mit einer Allianz von Umwelt- und Entwicklungsorganisationen daran, dass noch in dieser Legislatur ein starkes Gesetz kommt. Gemeinsam haben wir ein Gutachten erstellt, wie Umweltaspekte in ein Lieferkettengesetz einfließen können. Nur deshalb hat die Bundesregierung begonnen, das Thema ernst zu nehmen.

Neben der Agrarwende tritt die DUH für die Energiewende ein. Um Erdgas gibt es viele Diskussionen.

Wir müssen noch konsequenter als bisher darauf setzen, dass unsere Energieversorgung zukünftig zu 100 Prozent auf Erneuerbaren basiert. Die Bundesregierung ist da viel zu zögerlich. Bis allerspätestens 2050 muss Deutschland seine gesamte Energieversorgung dekarbonisieren. Projekte wie die Nord Stream 2 für Gas aus Russland und LNG-Terminals für Frackinggas aus den USA passen nicht in die Zeit. Hier legen wir uns mit einer der mächtigsten Lobbys in unserem Land an, mit der Gaslobby. Wir sagen: Der Bau von Gas-Infrastruktur schafft neue Abhängigkeiten, die die Energiewende erschweren würden.

Um die Flüssiggas-Terminals zu verhindern, arbeitet die DUH eng mit lokalen Bürgerinitiativen an der Nordseeküste zusammen. Dort liegen die geplanten Standorte. Wenn nötig, gehen wir sowohl gegen die Terminals als auch gegen Nord Stream 2 rechtlich vor. Das heißt, wir werden uns an den Planungsverfahren beteiligen und im Zweifelsfall auch klagen – weil sie mit den Zielen des Pariser Klimaabkommens nicht zusammengehen und auch wegen massiver Naturschutzauswirkungen, die diese Projekte haben. Gegen Nord Stream 2 haben wir eine solche Klage schon eingereicht. Der Kampf gegen fossile Infrastruktur wird eines unserer entscheidenden Kampagnenthemen im Jahr 2021 sein.

Wie führt die DUH diese Themen im Jahr 2021 fort?

Wir werden uns im Wahljahr 2021 darum bemühen, dass unsere Forderungen zur Agrar- und Energiewende in den Wahlprogrammen aller demokratischen Parteien ihren Niederschlag finden. Gerade im nächsten Jahr wird das Thema gesunde Ernährung und Agrarwende eine große Rolle spielen. Das Thema ist sehr nah an den Verbraucher*innen. Deshalb hat sich die DUH entschieden, darauf einen ganz starken Fokus zu legen.

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