Flatrate fürs Klima

Einfach und günstig mobil mit einem 365-Euro-Jahresticket

Die Deutsche Umwelthilfe fordert die Einführung eines Blauen Tickets: Uneingeschränkt mobil sein für einen Euro am Tag. Und das nur mit minimalen Auswirkungen auf Umwelt und Klima. 

Feinstaubalarm, giftige Atemluft, Dauerstaus, Parkplatzsuche, Lärm und kaum Platz für Fußgänger und Radler: Das sind die Folgen jahrzehntelanger automobilfreundlicher Politik und dem Kaputtsparen des öffentlichen Personennahverkehrs. Deutsche Städte sind Autostädte. Heute sehnen sich sechs von sieben Großstadtbewohnern nach mehr Grünflächen, mehr Bäumen, mehr Platz zum Spazieren, Radfahren und schlichtweg zum Leben.

Wir brauchen innerstädtisch eine neue Mobilität, die kostengünstig, bequem, sicher und umweltfreundlich ist. Wer braucht dann noch ein Auto? Was wir brauchen, ist eine Mobilitätswende. Stadt der Zukunft, das heißt nicht Flugtaxi, Drohnen und Millionen von Elektrorollern, Scootern und Autos. Das heißt Grünflächen, Platz für Fahrradfahrer und Fußgänger, saubere Luft und einen starken, modernen und gut ausgebauten öffentlichen Verkehr.

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Annette Stolle
Stellvertretende Leiterin Verkehr und Luftreinhaltung
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Die Mobilitätswende darf nicht weiter aufgeschoben werden, sie muss sofort stattfinden. Dafür sorgt die Deutsche Umwelthilfe mit ihren Klagen auf saubere Luft! Denn hierdurch haben wir es geschafft eine robuste und anhaltende Diskussion um wirksame Maßnahmen der Verkehrswende ausgelöst. Die Mobilitätswende hält Menschen mobil – mit minimalen Folgen für das Klima und geringen negativen Auswirkungen auf unsere Luft. Vor allem in Städten benötigen immer weniger Menschen in Zukunft ein eigenes Auto, haben aber dafür ein 365 Euro Ticket für Bus und Bahn. Das Ticket ermöglicht es allen Menschen, mobil zu sein. Damit wird der Ausschluss einzelner Bürger*innen durch finanzielle Hürden vermieden – wie beispielsweise hohe Kosten eines Autokaufs oder teure Ticketpreise. Das zentrale Element dieser ökologisch und sozial nachhaltigen Mobilität sind gut ausgebaute kollektive Verkehrsmittel mit einem einfachen und günstigen Tarifsystem.

Der aktuelle Trend hin zum Ausbau der individuellen Angebote wie Car- und Bike-Sharing, Taxi, Uber oder andere Fahrdienste („mobility on demand“) ausgerechnet in den Stadtgebieten, in denen der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) bereits stark vertreten ist, ist ökologisch und gesellschaftlich nicht zielführend. Das zum klassischen ÖPNV ergänzte Individualangebot wird zunehmend erweitert und privilegiert, während Ausbau und Attraktivitätssteigerung von Bus und Bahn zu langsam vorangehen. Für die Mobilitätswende muss dem dadurch entstehenden Ungleichgewicht jetzt entgegengewirkt werden. Dazu zählt auch, den Zugang zum ÖPNV zu vereinfachen und preiswerter zu gestalten. 

Wir fordern die Einführung eines 365 Euro-Tickets bundesweit in allen Städten beziehungsweise Verkehrsverbünden. In einem weiteren Ausbauschritt soll dann das 365-Euro-Ticket auf ein bundesweit gültiges „Blaues Ticket“ ausgedehnt werden, mit dem für 365 Euro pro Jahr nicht nur Bahn, Bus und Straßenbahn in der jeweiligen Heimatstadt, sondern auch in anderen Städten und Verkehrsverbünden genutzt werden können.

Das Geld zur Finanzierung eines solchen Flatrate-Tickets und insbesondere für den notwendigen Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs kann aus der Abschaffung der Subventionierung des Diesel-Kraftstoffs und des Steuerprivilegs für klimaschädliche Dienstwagen kommen. Zusätzlich sollten die noch zu erhebenden Bußgelder der Autokonzerne von 5.000 Euro pro verkauftem Diesel-Pkw mit manipulierter Abgasreinigung zur Finanzierung des 365-Euro-Tickets verwendet werden.

Mit der Einführung des 365 Euro Tickets können viele Hemmnisse, die den Umstieg auf den ÖPNV behindern, auf einmal abgebaut werden. Der Pauschaltarif macht die Nutzung von Bus und Bahn unkompliziert – einfach ein- und aussteigen wo und wann man möchte, ohne sich mit komplizierten Tarifsystemen auseinandersetzen zu müssen. Ein geringer Preis erhöht zusätzlich die Attraktivität und bewegt mehr Menschen zur Nutzung des ÖPNV. Durch ein weit verbreitetes Jahresticket wird bei der Frage, welches Verkehrsmittel man nutzen soll, eher der bereits bezahlte ÖPNV gewählt.

Das klingt unrealistisch? Im Gegenteil! In Wien wurde dieses Konzept bereits 2012 umgesetzt und führte dazu, dass sich die Zahl der Jahreskarteninhaber*innen von 373.000 auf 820.000 erhöht hat. In Wien haben damit mehr Menschen ein Jahresticket für den öffentlichen Nahverkehr als ein Auto. In Portugal wurden im März 2019 die Preise für Bus und Bahn deutlich reduziert. Seither ist man im Stadtgebiet Lissabon für 360 Euro im Jahr unterwegs. Aber auch in Deutschland gibt es erste Beispiele: Reutlingen und Bonn haben das Ticket am 1.1.2019 eingeführt und können positive Zwischenbilanz ziehen. Die Bundesregierung hat die Einführung über das Lead City Programm subventioniert und damit möglich gemacht. Die Möglichkeit muss allen deutschen Städten gegeben werden.

Derzeit fußt die Finanzierung des ÖPNV in Deutschland auf zwei Säulen: Zum einen auf dem Geld, das durch den Ticketverkauf eingenommen wird (30-50 Prozent), zum anderen auf öffentlichen Geldern aus den Kommunen, Ländern und dem Bund. Für ein gutes ÖPNV-Angebot – dichtes Liniennetz, intensive Taktung, zuverlässiger Verkehr, attraktive Umsteigemöglichkeiten, moderne Fahrzeuge – ist es wichtig, dass auch weiterhin Einnahmen von Nutzer*innen erhoben werden. Die höheren Verkaufszahlen gleichen den günstigeren Ticketpreis teilweise aus, der Rest muss von der Bundesregierung bezahlt werden.

Vorhanden ist das Geld für das 365 Euro Ticket schon: Die Abschaffung des Dienstwagenprivilegs für klimaschädliche Fahrzeuge bringt bis zu 5 Milliarden Euro jährlich zusammen, weitere fast 10 Milliarden Euro die Beendigung der Dieselkraftstoffsubvention. Außerdem ist die Bundesregierung nach EU-Recht verpflichtet, der betrügerischen Automobilindustrie 5.000 Euro Geldbuße pro Diesel-Fahrzeug mit Abschalteinrichtung aufzuerlegen. Allein durch die bisher nachgewiesenen 4,4 Millionen Fahrzeuge ergeben sich 22 Milliarden Euro Einmalzahlung, die den Verkehrsverbünden für Infrastrukturmaßnahmen im Rahmen eines Sofortprogramms zur Verfügung gestellt werden sollten.

Parallel zur Verbesserung des ÖPNV-Angebots muss der Autoverkehr insbesondere in den Innenstadtbereichen unattraktiver gemacht werden. Hierfür bieten sich Maßnahmen an, die Geld kosten und damit Einnahmen für den ÖPNV generieren, wie beispielsweise Parkraumbewirtschaftung. Außerdem reduzieren ein gut ausgebauter ÖPNV und erhöhte Fahrgastzahlen die hohen Folgekosten des Pkw-Verkehrs aufgrund von Umweltverschmutzung und Unfällen. Diese kosten die Allgemeinheit in einer deutschen Großstadt etwa dreimal so viel wie Bus und Bahn. Dieses Geld lässt sich sinnvoller für die Mobilitätswende und die Finanzierung der kollektiven Verkehrsmittel einsetzen.

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