Die Luftqualitätsgrenzwerte für das Dieselabgasgift Stickstoffdioxid (NO2) werden auch 2017 an knapp 60 Prozent der verkehrsnahen Messstellen in Deutschland um bis zu 100 Prozent überschritten. Dies belegen die offiziellen unter www.uba.de abrufbaren Messdaten des amtlichen Luftqualitäts-Messnetzes. Hauptursache für die hohe NO2-Belastung der Luft sind Diesel-Fahrzeuge. Euro 5 und Euro 6 Diesel-Pkw halten die gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte für Stickoxide (NOx) nur im Labor ein. Im realen Betrieb auf der Straße stoßen sie ein Vielfaches mehr an NOx aus, als erlaubt.

Viele hunderttausend Menschen, die an stark befahrenen Straßen wohnen oder arbeiten, dort in die Kita oder zur Schule gehen, leiden unter dem Dieselabgasgift.

An verkehrsnahen Orten, wo die Belastung besonders hoch ist, gibt es bundesweit bislang 247 Messstellen, die von den zuständigen Behörden betrieben werden. Doch von vielen Orten mit hohem Verkehrsaufkommen gibt es bislang keine Daten über die Luftqualität.

Wir möchten mit unserer Aktion „Decke auf, wo atmen krank macht“ an 500 bisher nicht untersuchten Orten und Stadtteilen einen ganzen Monat lang die Luftqualität messen und aufzeigen, wie giftig unsere Atemluft wirklich ist.

Wir messen ausschließlich Stickstoffdioxid (NO2). Für die Ermittlung der Feinstaubbelastung wäre ein anderes Messverfahren nötig.
Hauptverursacher des giftigen Stickstoffdioxids sind Diesel Pkw. Selbst Diesel-PKW der Schadstoffklasse Euro 6 stoßen ein Vielfaches an Stickstoffdioxid aus als ein vergleichbarer Benziner. Teilweise bis zu 17-mal mehr als erlaubt. 

Unter Einsatz von so genannten „Passivsammlern“ werden wir vom 1. Februar 2018 bis zum 1. März 2018 an 500 ausgewählten Orten Luftqualitätsmessungen durchführen.
Das Messverfahren ist einfach, unkompliziert und liefert verlässliche Werte: Die von uns eingesetzten Passivsammler sind kleine Röhrchen, in denen sich eine chemische Substanz befindet, die die Messkomponente (in unserem Fall Stickstoffdioxid - NO2) bindet. Sobald die Röhrchen geöffnet werden, wird dieser Prozess in Gang gesetzt. Ab diesem Zeitpunkt “sammeln” sie NO2. Die aktivierten Röhrchen werden an verkehrsnahen Orten für exakt 4 Wochen angebracht, an denen die Schadstoffbelastung gemessen werden soll. Die Auswertung der Messröhrchen erfolgt durch das akkreditierte Schweizer Analyselabor Passam AG. Mitte März 2018 werden wir die Ergebnisse vorstellen.

Diese Messmethode ist erprobt, sehr einfach und kann daher auch von Laien durchgeführt werden. Die Röhrchen werden mit Kabelbindern an Straßenschildern, Laternen o.Ä. angebracht und durch einen Wetterschutz vor Wind und Regen geschützt. Die Messröhrchen werden von freiwilligen Helfern angebracht und schließlich von uns gesammelt an das Schweizer Labor Passam AG zur Auswertung versendet.

Stickoxide sind giftig und stark gesundheitsschädlich. Sie reduzieren die Lungenfunktion und schädigen die Schleimhäute. Sie führen zu Asthma und Atembeschwerden, Husten und gereizten Augen. Die schädliche Wirkung anderer Schadstoffe, wie etwa Feinstaub, wird durch die reduzierte Immunaktivität verstärkt. Die Entwicklung von Allergien wird gefördert. In Regionen mit hoher Stickoxidbelastung wird eine Zunahme von Herz- und Kreislauferkrankungen sowie eine höhere Sterblichkeit nachgewiesen.
Gerade Kinder, ob im Fahrradanhänger oder als Fußgänger, sind wegen ihrer Größe und des geringen Abstandes zum Auspuff besonders gefährdet. Sie können einen Lungenschaden für ihr ganzes Leben davontragen. Kleinkinder atmen fünfmal mehr belastete Luft als Erwachsene. Beim Herumtollen auf dem Spielplatz sogar bis zu zwanzigmal mehr.

In Deutschland existieren mehrere gesetzliche Grenzwerte zu Stickstoffdioxiden, die aus EU-Richtlinien hervorgehen. Im Fokus steht der Jahresmittelgrenzwert zum Schutz der menschlichen Gesundheit, der eine durchschnittliche Belastung von weniger als 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft vorschreibt. Dieser Wert wird an vielen Messstellen deutschlandweit überschritten. Für Pflanzen und zum Schutz von Ökosystem gilt der Richtwert von 30 Mikrogramm im Jahresmittel. Pflanzen mutet man in Deutschland folglich eine geringere Belastung als Menschen zu.

Wir rufen bundesweit Betroffene auf, uns mitzuteilen wo die Luft durch viel Verkehr verpestet ist. In vielbefahrenen Straßenschluchten mit wenig Luftaustausch, an Straßenkreuzungen oder -einmündungen ist die Stickstoffdioxidbelastung oft besonders hoch. Wir möchten die wirklichen stark belasteten Orte in Deutschland identifizieren indem wir genau dort zu messen, wo Atmen krank macht! Wir werten alle Zuschriften mit einem uns ehrenamtlich unterstützenden Expertenkreis aus und wählen 500 Orte, an denen im Februar 2018 die Messung durchgeführt werden soll.

Entscheidende Kriterien sind für uns die Lage der vorgeschlagenen Messorte und die konkrete Umgebung, die Bebauung und sensible Einrichtungen wie Kitas oder Schulen in der unmittelbaren Nähe. Wir wollen möglichst bundesweit auch abseits der bereits vorhandenen offiziellen Messstellen die Luftgüte prüfen und dies auch in kleineren Städten und Gemeinden, nicht nur in großen Städten. 

Die Messröhrchen erfüllen die EU-Richtlinien in Bezug auf die Messgenauigkeit. Es handelt sich aber hier nicht um eine offizielle, behördliche Messung, sondern um eine Messung mit freiwilligen Helfern. Wir ersetzen damit keine Messungen der Landesämter, die mit einem deutlich höheren technischen und finanziellen Aufwand betrieben werden und gerichtsfest sein müssen. Da wir aber deutlich mehr Messpunkte haben als die Behörden, geben unsere Ergebnisse dennoch einen guten Überblick, wie die aktuelle Schadstoff-Situation in Deutschland wirklich ist.

Um die Messung zu starten, wird eine rote Verschlusskappe am Passivsammler entfernt und durch einen grünen Wetterschutz-Aufsatz ersetzt. Die Passivsammler werden idealerweise mit einem Kabelbinder am Mast eines Verkehrszeichens oder einer Straßenlaterne oder direkt an einem Baum angebracht. Der Messort sollte möglichst verkehrsnah sein und der Passivsammler sollte in einer Höhe von mindestens 2 Metern (maximal 4 Meter) aufgehängt werden. Die Messung läuft nun selbständig. Die Beendigung der Messung erfolgt durch das umgekehrte Entfernen des grünen Wetterschutzes und Verschließen des Passivsammlers mit der roten Verschlusskappe. Alle Mitmachenden bei dieser Messaktion bekommen eine detaillierte Anleitung, wie die Passivsammler aufzuhägen sind und die Messung durchzuführen ist. Jede einzelne Messung wird dokumentiert.

Der Passivsammler für Stickstoffdioxid beruht auf dem Prinzip der passiven Diffusion von Stickstoffdioxid-Molekülen an ein absorbierendes Medium, in diesem Falle Triethanolamin.
Die verwendeten Passivsammler bestehen aus einem Polypropylengehäuse mit einer Öffnung von
20 mm Durchmesser. Zur Herabsetzung des Windeinflusses ist eine Teflonmembran angebracht, die durch ein Drahtnetz gestützt wird. Zur Messung wird die vordere Kappe entfernt und der Sammler mit einem Clip in der Schutzbüchse befestigt. Nach Abschluss der Messung wird der Sammler wieder verschlossen. Die Röhrchen werden in den bereit gestellten Umschlägen an die DUH zurückgeschickt und von uns gesammelt zur Analyse eingesandt. Das absorbierte Stickstoffdioxid wird dann nach der Saltzmann Methode spektrophotometrisch bei 540 nm bestimmt.

Die Auswertung erfolgt bei dem akkreditierten Schweizer Labor Passam AG: www.passam.ch

Die Messwerte, die das Labor Passam AG im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe ermittelt, bilden nicht den Jahresmittelwert ab, sondern den Durchschnittswert für den Zeitraum der Messaktion. Dieser liegt nach den Erfahrungen bislang durchgeführter Messungen aber meist nahe am Jahresdurchschnitt und lässt deshalb durchaus Rückschlüsse auf das gesamte Jahr zu. Entscheidend ist aber nicht die Messdauer, sondern der genaue Standort, an dem gemessen wird. 

Was steht als nächstes an?

Freitag, 23.02.2018

Administrative und politische Konsequenzen aus dem Dieselgate-Skandal

Freitag, 23. Februar 2018, 15:00 Uhr in Wien

Nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts spricht Jürgen Resch über die konkreten nächsten Schritte vor Ort.

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Montag, 26.02.2018

Nach dem Leipzig-Urteil: Endlich saubere Luft in Stuttgart?

Montag, 26. Februar 2018, 19:30 Uhr in Stuttgart

Nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts spricht Jürgen Resch über die konkreten nächsten Schritte vor Ort.

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Donnerstag, 01.03.2018

Atmen gefährdet Ihre Gesundheit | Der Diesel-Skandal und seine Folgen

Donnerstag, 1. März 2018, 19:00 Uhr in Heilbronn

Nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts spricht Jürgen Resch über die konkreten nächsten Schritte vor Ort.

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Dienstag, 06.03.2018

Saubere Luft in München - und anderswo

Dienstag, 6. März 2018, 19:00 Uhr in München

Nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts spricht Jürgen Resch über die konkreten nächsten Schritte vor Ort.

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