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Laudatio Prof. Dr. Gesine Schwan - Preisträger Harald Schumann

Harald Schumann mit Laudatorin Prof. Dr. Gesine Schwan. © Sebastian Pfütze / DUH© Sebastian PfŸtze

Sehr geehrt Damen und Herren,

das Unbequeme an Harald Schumann ist – unter anderem! -, dass man ihn nicht leicht für die Verleihung eines Preises loben kann, der ein einzelnes Thema betrifft: also z.B. die Umwelt. Zwar ist der heutige Preis schon sein zweiter auf diesem Gebiet. Das spricht dafür, dass er sich hier journalistisch besonders tummelt und auffällt, allerdings ist er eben nicht nur dort auffällig.

Aber in der Tat fand er seinen Medien-Durchbruch in frühen Jahren als sogenannter Ökoredakteur bei der TAZ, als er über die Atomreaktor-Katastrophe in Tschernobyl vom April 1986 berichtete und über die Hintergründe und die ungeheure Reichweite des Unglücks ungewöhnlich genau recherchierte. Damals hielten viele den Unfall noch für ein schlimmes, aber regional begrenztes Unglück, das sich eindämmen lassen würde und bei dem man in Deutschland vor allem vorsichtig sein musste, wenn man Pilze aß. Immerhin führte dies dazu, dass Harald Schumann schon seit den achtziger Jahren die Zerstörung der Umwelt zu seinem Thema machte, freilich, indem er rasch weitergrub nach Ursachen und Wirkungen, und damit ein immer breiteres Feld beackerte.

Dass Harald Schumann so in die Tiefe und in die Breite ging, war im Übrigen kein Zufall. Sein Studium umfasste die Sozialwissenschaften, schon dies ein breiter Fächer von Disziplinen, und später – das erwartet man heute nicht ohne weiteres, da man ihn vor allem als Wirtschaftsjournalisten kennt – das Gebiet der Landschaftsplanung. Seine journalistische Tätigkeit begann er denn auch als Wissenschaftsjournalist.

Dabei hat er offenbar den Auftrag der Wissenschaft ernster genommen als viele Wissenschaftler selbst: nämlich den Imperativ, an allem zu zweifeln – Descarte’s „de omnibus dubitandum“ – und infolgedessen unbeirrbar nach den verschiedensten Zusammenhängen zu fragen, dabei alle vorfindlichen empirischen Spuren zu verfolgen. Weshalb Schumann als investigativer Journalist gilt. Das was wir heute oft vergebens an Universitäten, insbesondere in den Curricula suchen – nämlich die Anleitung, methodisch Zusammenhänge herauszufinden und sie analytisch auszuleuchten – praktiziert Harald Schuman vorbildlich. Aber das treibt ihn dann eben auch von einem Feld zum anderen, weil die Welt sich nicht in thematische Schubladen packen lässt.

Dennoch, der Erhalt unserer natürlichen Umwelt, der nachhaltige Umgang mit ihr, lag ihm schon als Landschaftsplaner nahe. Überdies umfasst der Begriff der Umwelt für einen Sozialwissenschaftler analog zum Nachhaltigkeitsbegriff inzwischen weit mehr als den Naturschutz, namentlich die soziale Dimension, überhaupt alles, was uns umgibt. Deshalb gehört zu Schumanns Schwerpunkten auch in der Gegenwart die Durchleuchtung von Lebensmittelproduktion, von gefährlichen Düngemitteln bis zu einer Finanzierungsweise, die durch Spekulation die Lebensmittelpreise hochtreibt und den Hunger der Ärmsten im Gefolge hat. Schumann verfolgt z.B. in Bezug auf die Deutsche Bank Schritt für Schritt die logische und faktische Kette, an deren Ende der Hunger steht. Von den Nahrungsmitteln bis zum Hunger: Auch ein Aspekt von Umweltpolitik.

© Sebastian Pfütze / DUH© Sebastian PfŸtze

Vor allem aber geht es Harald Schumann eben immer um die Ursachen und Wirkungen von Missständen, so auch der Zerstörung oder Vergiftung der Umwelt, denen will er auf den Grund gehen, um sie zu beheben. Seine klare Ausrichtung auf praktische Wirkung, Negatives nicht larmoyant zu beklagen oder ideologisch als Beweis für die schlechte Welt aufzuladen, sondern es zu verändern, führt ihn unweigerlich zu vorzüglicher und eben auch breit angelegter Analyse, und dies in einer anschaulichen, oft witzigen Sprache, die jeder versteht. Er will aufklären und in Bewegung setzen, Einsichten vermitteln und auch immer Alternativen zeigen. Moralisieren oder Herummeckern ist nicht seine Sache. Bei aller Schärfe, mit der er die Dinge beim Namen nennt, und bei aller Unbeirrtheit der Kritik zielt er letztlich doch immer auf die Abwendung des beschriebenen Übels, auf eine bessere Lösung. Man könnte ihn, in der Formulierung seines Kollegen Christian Geyer „manisch konstruktiv“ nennen.

Und bei aller Ablehnung von oberflächlicher Moralisiererei ist er doch im Herzen ein Moralist. Ihn treibt das moralische Motiv: zu mehr Gerechtigkeit beizutragen, gegen Willkür und Ausbeutung in der Folge von unkontrollierter Machtkonzentration anzugehen. Demokratie zu stärken. Und das mit vorbildlicher Unbestechlichkeit.

Dazu gehört auch, gegen sich selbst Argumente aufzuwerfen und ernst zu nehmen. Es stört ihn nicht, wenn er erkennen muss, dass er an irgendeiner Stelle revidieren oder neu recherchieren oder einfach zugeben muss: Hier kenne ich die Antwort nicht. Das heißt, er würde wohl eher sagen: noch nicht. Denn er glaubt an die Erkennbarkeit der Welt und an die praktische Chance von Aufklärung, es kommt eben darauf an, die Welt zu verändern – um die bekannte Feuerbach-These von Marx ein wenig umzuformulieren. Ich glaube, gegen eine Marx-Reminiszenz hat Harald Schumann schon deshalb nichts, weil er ein unabhängiger Geist ist.
Der nicht an geschichtsphilosophische Utopien glaubt, sondern die vielen Widrigkeiten des Alltags ernst nimmt und die Endlichkeit der Menschen. So würde er das nicht formulieren, das entstammt eher der Sprache meiner christlichen Herkunft, aber mir gefällt seine Fähigkeit, sich z.B. in die Welt des Arbeitsalltags hineinzudenken. Hier ein Beispiel aus dem Tagesspiegel vom August 2005. Es geht um Reaktorsicherheit. Ich zitiere ihn: „So widerspricht es zutiefst der menschlichen Natur, stets den schlimmst möglichen Fall zu bedenken – doch genau das sind die Sicherheitsanforderungen der Kernenergie. Denn ein Unfall wie im Katastrophenreaktor von Tschernobyl würde im dicht besiedelten Deutschland nicht nur einige hunderttausend, sondern viele Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertreiben.“ (Tagesspiegel 14.08.05 S5) und weiter: „Darum muss, wer Atomstrom gewinnen will, stets das Undenkbare denken und „einen Sicherheitsaufwand betreiben, der dich im Alltag in den Selbstmord treiben würde“, wie es ein erfahrener Kerntechniker ironisch beschreibt. Und dieser Aufwand muss offenkundig immer wieder neu erzwungen werden, weil er sowohl den wirtschaftlichen Interessen der Betreiber als auch der Alltagserfahrung der Belegschaften entgegensteht.“ (ebenda). Der Mensch im Alltag mit seinen ganz normalen Begrenzungen gehört eben auch zur Umwelt.

© Sebastian Pfütze / DUH© Sebastian PfŸtze

In seiner Kritik der Urteilskraft hat Kant drei Maximen genannt, die den „Gemeinsinn“ in einer Republik ausmachen: 1. Selbst denken. 2. Jederzeit mit sich einstimmig denken“ (also sein eigenes „Geschwätz von gestern“ im Blick behalten) und 3. Jederzeit an der Stelle des anderen denken. Die dritte ist die Maxime der Gerechtigkeit. Hannah Arendt hat sie ausgiebig kommentiert und auf die Fähigkeit zur Einbildungskraft, zur Fantasie hingewiesen, die dazu erforderlich ist. Mit Gefühl oder Empathie wollte sie das aber – der rationalen Aufklärung treu – nicht verwechselt wissen.

Das könnte auf den so rationalen Harald Schumann auch gut zutreffen. Dennoch zweifle ich daran, dass man ohne Gefühl so leidenschaftlich für Gerechtigkeit kämpfen kann, wie er das tut. Im Übrigen wird ihm seine eigenwillige Frau Pilar, die Psychoanalytikerin ist, schon im Laufe ihrer bewundernswert lang andauernden und lebendigen Ehe die nicht rein rationalen Seiten der Menschen erläutert haben. Auch die Fähigkeit zur Empathie, die er faktisch praktiziert.

So gebührt Harald Schumann höchstes Lob für sein andauerndes, analytisch scharfsinniges, praktisch die Öffentlichkeit einladendes, ja antreibendes Medienengagement für die Umwelt im notwendig weitesten Sinne des Wortes. Aber noch mehr dafür, dass er es sich leisten kann, mit einer Frau zusammenzuleben, die schon qua Beruf, aber auch als Persönlichkeit alles durchschaut und vor allem in der Folge von Kant „selbst denkt“. Nach allem, was man von außen sehen kann, kommt das nicht nur den beiden, ihren Söhnen und ihren Freunden, sondern auch der Umwelt zugute.

 

Gesine Schwan, Berlin, den 24. Oktober 2014

Laudatio Schumann Schwan 24102014.pdf

Laudatio von Prof. Dr. Gesine Schwan für den Preisträger in der Kategorie "Print", Harald Schumann zum kostenlosen Download.

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