Auenwälder am Bodensee

Auenwälder sind einzigartige Lebensräume: In ihrer reichhaltigen Pflanzen- und Tierwelt finden sich überproportional viele seltene und sogar bedrohte Arten wie Biber, Pirol und Eisvogel. Die feuchten Wälder wurden jedoch stark verändert und zerstört und leiden vielerorts unter dem starken Druck verschiedener Nutzungen wie beispielsweise intensive Landwirtschaft in unmittelbarer Nähe zum Ufer. Auch am Bodensee existieren nur noch Auenwaldreste, daher setzt sich die Bodensee-Stiftung für die Sicherung und die Wiederansiedlung von Auenwäldern am Bodensee ein.

Am Bodensee und dessen Zuflüssen sind heute vielerorts nur noch überalterte Weichholz-Auenwaldreste mit einer Gesamtgröße von etwa 60 Hektar verblieben, das ist die Fläche von rund 84 Fußballfeldern. Standorte, an denen eine Verjüngung möglich wäre, sind aufgrund fehlender Flussdynamik und stark genutzter Seeufer kaum noch vorhanden. Acker- und Obstbau, Wohnsiedlungen, Gewerbegebiete und Tourismus verdrängten die artenreichen Wälder und veränderten die Flächen erheblich. Rund 50 Prozent der Seeufer sind hart verbaut oder durch anthropogene Eingriffe erheblich verändert. Besonders betroffen sind die Mündungsbereiche der zahlreichen Flüsse und Bäche in den See sowie die sie begleitenden Auenwälder.

Liebesinsel - Waldstrukturen bieten vielen Arten geeignete Lebensbedingungen (Foto: Sven Schulz)

Auenwälder: Mehr Wildnis für den Bodensee

Zur Verbesserung dieser Situation engagiert sich die Bodensee-Stiftung für die Schaffung eines Auenwaldverbundes rund um den See. Langfristig sollen Auenwälder renaturiert und am Ufer vorhandene Auenwälder verjüngt sowie die Anbindung an das Hinterland optimiert werden, speziell in den Mündungsbereichen der Bodenseezuflüsse. Dafür wurden das Renaturierungspotential und die Vernetzungsmöglichkeiten der Auenwälder am gesamten Bodenseeufer bzw. den Mündungsgebieten ermittelt. Mittels einer Potenzialanalyse wurden sechs aussichtsreiche und repräsentative potentielle Auenwaldflächen identifiziert, die sich auf alle drei Seeanrainer – Deutschland, Schweiz und Österreich – verteilen. Gemeinsam mit Behörden und Gemeinden erarbeitete die Bodensee-Stiftung ein Auenentwicklungskonzept.

Altarm der Stockacher Aach (Foto:Hanns Werner)

Auenwaldrenaturierung am Bodensee

Die verbliebenen Auenwaldfragmente sollen nun gesichert, qualitativ verbessert und erweitert werden. Der Schlüssel hierfür liegt in der Dynamisierung der Flüsse und Bäche: Strömungslenker aus Baumstämmen und Steinen sorgen für neue Angriffspunkte an den Ufern, damit das Gewässer neue Mäanderstrukturen bildet. Altarme werden wieder an das Flusssystem angebunden und Verbauungen in Mündungsbereichen entfernt, so dass die Ufer und ihre Vegetation wieder dem Ursprungszustand nahe kommen.

Am Gewässerlauf plant die Bodensee-Stiftung die Anlage von Terrassen, die regelmäßig überschwemmt werden und ideale Keimbedingungen für Silberweiden bieten. Mancherorts müssen zunächst standortfremde Bäume, wie etwa Hybridpappeln gerodet werden. Die verbliebenen Auenwald-Fragmente werden durch kleinflächige Pflanzungen von Hartholzauenarten wie Eiche, Esche und Wildobst vernetzt. Langfristiges Projekt-Ziel ist ein grenzüberschreitendes Programm zum Schutz und zur Ausweitung der Auenwälder am Bodensee.

Projekt "Auenwaldrenaturierung am Bodensee"

Altarm der Stockacher Aach (Foto: Hanns Werner)

Auenwälder für alle

Oft stehen der Renaturierung von Auenwäldern wirtschaftliche Interessen entgegen. Gemeinden wollen Baugebiete direkt am See- oder Flussufer ausweisen, oder bereits bestehende Intensiv-Obstanlagen liegen in Schutzgebieten. Um einen langfristigen Schutz der Auen zu erreichen, ist es wichtig, die relevanten Interessengruppen und die Bevölkerung vor Ort für diesen außergewöhnlichen Naturraum zu sensibilisieren und über den Nutzen der Auenwälder zu informieren. Vorträge, Workshops, Bildungsangebote speziell für Kinder und Jugendliche, eine Wanderausstellung und Führungen, so zum Beispiel Fahrten mit der Solarfähre, werden dafür von den Projektpartnern angeboten.

Silberweidenwald an der Bregenzerach, dem zweitgrößten Bodensee-Zufluss (Foto: Markus Peintinger)

Der besondere Lebensraum Auenwald

Vom Wechsel zwischen Überflutung und Trockenzeiten geprägte Auenwälder zählen zu den produktivsten und artenreichsten Lebensgemeinschaften in Mitteleuropa. Sie sind als natürliche Lebensräume von gemeinschaftlichem Interesse besonders geschützt (FFH-Richtlinie Anhang I). Zahlreiche Tierarten nutzten die Auenwälder als Lebensraum und Brutstätte, darunter zahlreiche Vogel,- Schmetterlings-, Käfer- und Libellenarten sowie seltene Fischarten und eine Vielzahl an Schnecken-, Muschel-, Krebs- und Insektenarten. Auch Biber und Fischotter siedeln sich bevorzugt in intakten Auenwäldern an.

Der Rhythmus von Hoch- und Niedrigwasser gliedert die Auenwälder in zwei Zonen: in die ufernahe Weichholzaue und die landseitige Hartholzaue. Die Weichholz-Auenwälder (prioritärer Lebensraum nach FFH-Richtlinie Anhang I) bestehen vor allem aus Weiden und Schwarz-Pappeln. Ihre Böden sind besonders nährstoffreich, und die Ablagerungen, die der Fluss bei Hochwasser in die Aue einträgt, sorgen für ständigen Nachschub. Die andernorts so ungeliebte Große Brennnessel ist hier natürlicherweise verbreitet. In größerer Distanz zum häufigen Wasserstandswechsel wachsen die Hartholz-Auenwälder mit ihren urigen Eichen, Ulmen, Eschen und Bergahorn. Sie werden nur gelegentlich bei sehr starkem Hochwasser überflutet. Auch ihre Böden sind sehr nährstoffreich und lassen Kleb-Labkraut, Giersch und Gundermann üppig wachsen.

Früher gehörte zu jedem Fluss ein Auenwald bzw. eine Lebensgemeinschaft, die an die speziellen Lebensbedingungen angepasst war. Heute sind Auenlandschaften in Mitteleuropa selten geworden. Immer mehr Auwälder verschwanden infolge anthropogener Eingriffe. Flüsse wurden begradigt und eingedeicht, mitunter zur Energiegewinnung aufgestaut. Heute sind entlang der großen Ströme Rhein, Elbe, Donau und Oder in Abschnitten nur mehr 10 - 20 Prozent der ursprünglichen Überschwemmungsgebiete erhalten. Sie sind häufig letzte Rückzugsgebiete für bedrohte Arten, so dass deren Schutz und Renaturierung einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der biologischen Vielfalt leisten.

Wir danken für die Förderung:

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Copyright: Steffen Holzmann

Ulrich Stöcker
Leiter Naturschutz
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