Totes Holz für Alpenbock und Hirschkäfer

Totes Holz ist in heutigen Wirtschaftswäldern rar. Für die geschützten Käferarten Alpenbock und Hirschkäfer hat dieser Umstand fatale Folgen, denn ihre Larven entwickeln sich nur auf abgestorbenem Holz. Um den Käfern bessere Lebensraumbedingungen zu bieten, wird im Biosphärengebiet Schwäbische Alb auf ausgewählten Flächen der Totholzanteil vergrößert. Um die Umsetzung dieser waldbaulichen Maßnahmen kümmern sich das Umweltbildungszentrum Listhof und das Landratsamt Reutlingen gemeinsam mit dem Biosphärengebiet Schwäbische Alb.

Alpenbock und Hirschkäfer zählen zu den imposantesten Käfern Europas – der Alpenbock dank seiner prächtigen blau-schwarzen Färbung, der Hirschkäfer aufgrund seiner Größe und vor allem wegen seines mächtigen Geweihs. 

Der Alpenbock (Rosalia alpina) lebt in lichten, sonnenbeschienenen Buchenwäldern. Als Eiablageplätze dienen Buchenstämme mit abgestorbenen Holzteilen sowie liegendes Totholz. Hier schlüpfen die Larven aus dem Ei und überdauern zwei bis vier Jahre im toten Holz, wo sie sich zum adulten Käfer entwickeln. Der erwachsene Käfer lebt nur etwa zehn Tage.
Der Alpenbock ist in Deutschland auf der Roten Liste als stark gefährdet (2) eingestuft und besonders sowie streng geschützt (Bundesnaturschutzgesetz, FFH-Richtlinie Anhang II* und IV).

Prächtig gefärbter Alpenbock auf dem Stamm einer alten Buche (Foto: Bernhard Ziegler)© Bernhard Ziegler

Der Hirschkäfer (Lucanus cervus) benötigt zur Eiablage sonnenbeschienene, alte und pilzbefallene Eichenstämme. Fünf bis sechs, selten acht Jahre lang frisst sich die Hirschkäferlarve durch den vermodernden Stamm. Dagegen leben geschlüpfte Hirschkäfer nur ca. drei bis acht Wochen und ernähren sich in dieser Zeit vom Saft „blutender“ Bäume. In Deutschland ist der Hirschkäfer nach der Roten Liste Deutschlands stark gefährdet (2) und besonders geschützt (Bundesnaturschutzgesetz, FFH Richtlinie Anhang II).

Zwei männliche Hirschkäfer beim Kampf ums Weibchen (Foto: Dietmar Nill)© Dietmar Nill

Totholz ist ein charakteristisches Merkmal und wesentliches Strukturelement natürlicher Wälder. Im Ökosystem Wald spielt es eine zentrale Rolle: Pilze und Pflanzen nutzen es als Aufwuchsbasis, einige Kleinsäuger bauen ihre Nester in Totholz-Ansammlungen, und zahlreiche Vögel nutzen Totholz als Nahrungsbiotop, Balz-, Nist- und Schlafplatz. Auch über die Hälfte aller im Wald vorkommenden Käferarten ist von Totholz abhängig.

Naturnahe Wälder mit abwechslungsreichen Altersstrukturen sind selten geworden; dies gefährdet Alpenbock und Hirschkäfer mittlerweile in ihrem Fortbestand. Abgestorbene, gestürzte oder geschädigte Bäume wurden in der Vergangenheit meist aus dem Wald entfernt: Der Holzverkauf brachte Geld ein, und das traditionelle Waldbild verlangte „Sauberkeit“. Während in Naturwäldern die Totholzmengen bis zu 40 Prozent des Gesamtholzvorrates erreichen, gibt es in deutschen Wirtschaftswäldern heute durchschnittlich weniger als 5 Prozent Totholz.

Dem Alpenbock droht eine zusätzliche Gefahr: mangels Alternativen legt er seine Eier oft auch in gelagertes Nutz- und Brennholz ab. Wird dieses Holz abtransportiert und weiter verarbeitet, bevor sich die Larve zum Käfer entwickelt hat, wird es für den Hirschkäfer zur Falle.

Gefährdung durch den schwindenden Lebensraum Totholz

© Dietmar Nill
Lebensraum Totholz (Fotos: Bernhard Ziegler)

Biosphärengebiet Schwäbische Alb – Heimat von Alpenbock und Hirschkäfer

Das Umweltbildungszentrum Listhof setzt sich für den Schutz beider Käferarten im Biosphärengebiet Schwäbische Alb ein. Dieses bislang erste und einzige Großschutzgebiet in Baden-Württemberg erstreckt sich über 85.000 Hektar und ist seit 2009 auch von der UNESCO als Biosphärenreservat anerkannt.
Der Alpenbock ist in Deutschland außer im Donautal und seinem Verbreitungsschwerpunkt in den Alpen nur noch im Traufbereich der Schwäbischen Alb vertreten. In den Eichenwäldern um Reutlingen hat der Hirschkäfer einen traditionellen Verbreitungsschwerpunkt, denn die hier ehemals ansässigen Gerber benötigten Eichenrinde zum Gerben ihrer Felle. Die für diesen Zweck gebräuchliche Mittelwaldbewirtschaftung und das Entrinden der Eichen schufen ideale Lebensbedingungen – diese fehlen in der modernen Forstwirtschaft.

Der Alpenbock kann in seinem Verbreitungsgebiet auf der Schwäbischen Alb aus nächster Nähe beobachtet werden (Foto: Dietmar Nill)

Waldumbaumaßnahmen im Biosphärengebiet Schwäbische Alb

Die Waldumbaumaßnahmen führen das Umweltbildungszentrum Listhof und das Kreisforstamt Reutlingen in enger Kooperation mit der Geschäftsstelle des Biosphärengebietes Schwäbische Alb durch. Einen größeren Totholzanteil der Buchen und Eichen im Wald zu belassen und auch die Aufklärung der Käufer gehören zu den Schutzmaßnahmen. Zudem wird die rechtzeitige Abfuhr von verkauftem Buchenholz überwacht, um eine Eiablage des Alpenbocks zu vermeiden. Durch Öffentlichkeitsarbeit wird der interessierte Bürger nicht nur über beide Käferarten und ihre Lebensräume informiert, sondern auch anregt, bei der Erfassung der Käferpopulationen mitzuhelfen.

 
          

Sonnenbeschienener Eichenwald, der zur Ansiedlung des Hirschkäfers in einen Mittelwald umgewandelt wird (Foto: Bernhard Ziegler)

Artenschutzmaßnahmen für den Alpenbock

Das Fällen einiger Buchen sowie das Ringeln der Rinde erhöhen den Totholzanteil im Verbreitungsgebiet des Alpenbocks. Die Freistellung von Altbuchen und die Bereitstellung von „Bruthölzern“ begünstigt die Fortpflanzung der Art.

Artenschutzmaßnahmen für den Hirschkäfer

Zur Förderung des Hirschkäfers werden im Naturschutzgebiet Listhof Teilbereiche des bestehenden Eichenhochwaldes wieder als Mittelwald bewirtschaftet. Beim Unterholzschlag wird Eichenrinde zu Gerbzwecken gewonnen, und zur Verbesserung der Nahrungssituation der adulten Hirschkäfer werden „blutende“ Bäume geschaffen. Kinder und Jugendliche helfen beim Bau von sogenannten Käfermeilern als Brutstätten-Ersatz.

Im Rahmen von GPS-gestützten Entdeckungstouren können die Entwicklungsmaßnahmen für beide Käferarten hautnah erlebt werden.

Verbessern sich die Lebensräume von Alpenbock und Hirschkäfer, verbessern sich zugleich die Lebensbedingungen vieler anderer Pflanzen-, Pilz- und Tierarten, die auf Totholz angewiesen sind.

Geringelte Buche (Foto: Bernhard Ziegler)
Bau eines Käfermeilers, mit Kindern (Foto: Regine Leicht)© 
Käfermeiler (Foto: Bernhard Ziegler)
Wir danken für die Förderung:

Kontakt

Copyright: Steffen Holzmann

Ulrich Stöcker
Leiter Naturschutz
E-Mail: stoecker@duh.de

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