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„Fukushima war das Todesurteil für die Atomenergie in Deutschland“

Donnerstag, 10.03.2016
© privat
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Vor 30 Jahren kam es zur Nuklearkatastrophe in Tschernobyl, im März 2011 explodierten drei Reaktoren im japanischen Fukushima und lösten Kernschmelzen aus. Ein Gespräch mit DUH-Bundesgeschäftsführer Sascha Müller-Kraenner über den deutschen Atomausstieg und Fehler, die sich nie wiederholen dürfen.

10. März 2016

Herr Müller-Kraenner, erinnern Sie sich, wo Sie am 26. April 1986 waren, als Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl explodierte?

Ja, daran erinnere ich mich noch sehr genau. Ich war mit Kommilitonen auf der Rückreise von einer meeresbiologischen Exkursion in Jugoslawien, als wir im Radio von der Explosion im Kernkraftwerk Tschernobyl hörten. Wir waren vollkommen fassungslos und wechselten hektisch die Radiosender, um die Nachrichten zu hören. Draußen regnete es in Strömen. Von der radioaktiven Verseuchung, die durch diesen Dauerregen auf Süddeutschland und Österreich niederging, erfuhren wir aber erst Tage später.

Zwanzig Jahre später besuchten Sie die Sperrzone nahe der Stadt Prypjat…

Im Jahr 2006 war ich, gemeinsam mit ukrainischen Umweltgruppen und der Heinrich Böll Stiftung, an der Organisation einer großen Anti-AKW-Konferenz anlässlich des 20. Jahrestages von Tschernobyl in Kiew beteiligt. Am Vortag der Konferenz fuhren wir in das zwei Autostunden entfernte Sperrgebiet. Besonders erschreckend war der Besuch der in der über Nacht evakuierten Geisterstadt Prypyat. In die umliegenden Dörfer waren damals einzelne ältere Menschen illegal zurückgekehrt, so wie eine alte Frau, die von ihrem Garten und Fischteich lebte. Sie lud uns zu Tee und geräuchertem Fisch ein. Aus Höflichkeit haben wir von dem Fisch dann einen kleinen Bissen gegessen.

2011 führte ein schweres Erdbeben zu mehreren Kernschmelzen im japanischen Kernkraftwerk Fukushima Daiichi. War Tschernobyl nicht Warnung genug?
   
Ganz offensichtlich nicht. In Fukushima sind schwere Fehler gemacht worden. Begonnen mit der Tatsache, dass ein Erdbeben und ein Tsunami immer mögliche Risiken darstellten, gegen die das Kraftwerk nicht ausreichend abgesichert war. Der große Unterschied zwischen Tschernobyl und Fukushima bestand aber in meiner und wohl auch der kollektiven Wahrnehmung darin, dass er nicht in der technologisch rückständigen Sowjetunion, sondern im Hightech-Land Japan stattfand. Japan ist das Land, in dem sogar die Züge auf die Sekunde pünktlich fahren. Was in Japan passiert, kann ebenso auch in Deutschland passieren. Deswegen war Fukushima das Todesurteil für die Atomenergie in Deutschland.

Fünf Jahre nach Fukushima gehen in ganz Europa wieder Reaktoren ans Netz. Großbritannien setzt genauso auf Kernkraft wie Finnland. In Russland sind mehrere Kraftwerke in der Bauphase. Erleben wir trotz Tschernobyl und Fukushima eine Renaissance der Kernenergie?

Das würde ich so nicht sagen, denn neben Deutschland haben inzwischen mehrere andere europäische Länder wie Spanien, Italien, Belgien, Österreich, die Schweiz, Schweden und Irland den Atomausstieg beschlossen oder schon abgeschlossen. Letztendlich wird sich die Zukunft der Atomenergie an der Frage der Wirtschaftlichkeit entscheiden. Erneuerbare Energien liefern heute schon konkurrenzfähigen preisgünstigen Strom. Die Kosten des Rückbaus der Atomenergie und der Endlagerung von strahlendem Müll sind nicht nur in Deutschland ungeklärt.

Blicken wir in die Zukunft: 1. Januar 2023, alle deutschen AKWs sind stillgelegt. Ein großer Schritt. Aber reicht er?

Selbst wenn das letzte Atomkraftwerk in Deutschland spätestens 2022 vom Netz gehen wird, bleibt uns die teure strahlende Erbschaft des Atomzeitalters noch lange erhalten. Dass die Kraftwerksbetreiber für dessen Endlagerung und für den Rückbau Atommeiler verantwortlich sind und dafür finanziell aufkommen müssen, steht außer Frage. RWE, E.On und Co. haben jahrzehntelang Milliarden mit dem Atomstrom verdient. Jetzt müssen sie für die Folgen auch gerade stehen.

Die Fragen stellte Daniel Hufeisen.

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