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Warum Stadtgrün wertvoll ist

Dienstag, 26.05.2015

Robert Spreter, Leiter Kommunaler Umweltschutz, über Natur in der Stadt und Umweltgerechtigkeit

© Holzmann / DUH
© Holzmann / DUH

26. Mai 2015

Immer mehr Menschen zieht es weg vom Land in die Städte. Felder, Wälder oder Flusslandschaften liegen damit häufig nicht mehr im unmittelbaren Lebensumfeld. Naturnahe Flächen in Städten können als Ersatz dienen. Doch wie es ist um das Grün in unseren Städten bestellt?

In den letzten Jahren sind im Zuge von Nachverdichtungen viele Grünräume in den Stadtgebieten aufgegeben worden. Untersuchungen haben ergeben, dass es heute etwa 10% weniger Arten an Gefäßpflanzen in europäischen Städten gibt, als noch vor 100 Jahren. Auf den landwirtschaftlichen Flächen ist der Rückgang noch viel stärker. Ob eine Stadt artenreich ist, hängt stark davon ab, wie viel „Grün“ es in der Stadt gibt. Berlin ist beispielsweise einer der artenreichsten Räume in Deutschland, hier leben über 150 Brutvogelarten. Insgesamt fühlen sich immer noch sehr viele Pflanzenarten und Tiere in den Städten wohl. Fledermäuse sind zum Beispiel oft Stadtliebhaber. In Chemnitz findet man innerstädtisch Wiesen mit Raritäten wie Moorklee, Ackerwachtelweizen oder Tausendgüldenkraut. Weiteres kann man auch auf unseren Seiten nachlesen.

Warum ist es wichtig, das Grün in die Städte zu holen oder sich dafür einzusetzen, grüne Flächen zu erhalten?

Menschen brauchen Natur, damit es ihnen gut geht. Das belegen zahlreiche Studien. Schaut man aus dem Fenster und sieht eine begrünte Fassade statt einer Betonwand hebt das das Wohlbefinden und das ist dann letztlich gut für die Gesundheit. Ein Leben ohne die Möglichkeit, Natur erfahren zu können, kann krank machen. Besonders wichtig sind Naturräume für Menschen, die sich viel in der Stadt aufhalten und die viel zu Fuß gehen. Betroffen von zu wenig Grün in der Stadt sind deshalb besonders Kinder, ältere Leute und Menschen die es sich finanziell nicht leisten können aus der Stadt raus ins Grüne zu fahren. Naturräume sind auch deshalb so wichtig, weil sie soziale Begegnungsstätten innerhalb der Stadt sind. Im Park, am Gartenzaun oder unterm  Baum an der Straße kommen die Menschen gerne zum Plaudern zusammen.

Beim Ausdruck „Stadtgrün“ denken Laien zunächst eher freizeitorientiert an Parks mit großzügigen Rasenflächen, bepflanzten Beeten und ein paar schattenspendenden Bäumen. Reicht das aus Ihrer Sicht aus, um die Lebensqualität einer Stadt zu verbessern?

Die Natur muss überall und ein Teil unseres Alltags sein. Auf dem Schul- oder Arbeitsweg, in der Schule oder beim Arbeitsplatz. Viele Menschen verlassen ihr Quartier nur selten, daher ist es wichtig, dass sie Natur in unmittelbarer Nähe haben. Dabei ist  „Grün“ nicht gleich „Grün“. Für Schulen und Kindergärten sind zum Beispiel Gehölze sehr wichtig, weil sie die Möglichkeit bieten sich beim Spielen verstecken zu können. Eine Blumenwiese wirkt wesentlich anregender als eine bloße Rasenfläche. Dabei braucht es eine gesunde Mischung zwischen „wilden“ Flächen, die man ganz sich selber überlässt und mehr geordneten Flächen, die viele Menschen gleichzeitig nutzen können. Bäumen kommt eine ganz besondere Bedeutung zu, auch für das innerstädtische Klima. Gerade im Hinblick auf den Klimawandel sind die abkühlenden und schattenspendenden Bäume in Städten unbezahlbar.

Wenn es um den Zugang zu Natur oder naturnahen Umgebungen geht, taucht häufig der Begriff „Umweltgerechtigkeit“ auf. Was genau ist damit gemeint?

Menschen mit geringem Einkommen haben in ihrem Alltag häufig weniger Zugang zu Naturräumen. Oft gibt es in einer Stadt ein oder mehrere Stadtteile in denen es nur wenig grüne Flächen gibt oder in denen die öffentlichen Grünräume so vernachlässigt sind, dass sie nur wenig nutzbar sind. In diesen Stadtteilen sind oft auch die Lärm- und Schadstoffbelastungen am höchsten. In diesen Stadtteilen leben häufig Menschen, die sich die Mieten in anderen Stadtteilen nicht leisten können. Wir wissen heute, dass sich wenig „Grün“ in Kombination mit Lärm negativ auf die Gesundheit auswirken kann. Kinder leiden unter den Umweltbelastungen besonders stark. Sie verlassen ihren Stadtteil oft nur ganz selten, weil sie nicht die finanziellen Möglichkeiten dazu haben. Aus unserer Sicht ist es deshalb „umweltgerecht“ wenn sich Städte insbesondere in diesen Stadtteilen darum kümmern, dass zumindest ein Mindestmaß an nutzbarem „Grün“ vor Ort zur Verfügung steht. Beispielsweise dadurch, dass ansprechende Schulhöfe etc. zur Verfügung stehen, die nicht nur eine reine Betonwüste sind.

Wie wichtig die Natur und urbanes Grün sind, gerät beispielsweise bei Baumaßnahmen häufig in den Hintergrund. Kann man den Wert der Natur bemessen?

Das kann man ebenso wenig wie man den Wert eines Menschen bemessen kann. Trotzdem ist es wichtig sich bei solchen Entscheidungen alle positiven Faktoren der Natur vor Augen zu führen. Deshalb beteiligen wir uns an der Studie Naturkapital Deutschland (TEEB.de) bei der erforscht wird, was die Natur für uns Menschen alles leistet.

Was können Städte, Kommunen und Anwohner tun, um ihr Wohnumfeld grüner zu gestalten?

Viele Kommunen sind dabei ihr „Grünflächenmanagement“ ökologisch umzustellen. Die Wechselbepflanzung von Staudenbeeten in denen erst die Stiefmütterchen kommen und dann weitere blühende Pflanzen immer neu gepflanzt werden, können sich die meisten Städte finanziell gar nicht mehr leisten. Blumenwiesen sind viel günstiger als diese Staudenbeete, aber sie sind aufwendiger zu pflegen. Die Städte sind gefordert, ihre Flächen naturnah zur Freude und zur Anregung ihrer Bürgerinnen und Bürger anzulegen. Viele Menschen machen in ihren Hausgärten nach, was die Stadt pflanzt, deshalb hat es einen großen Einfluss auf das gesamte Stadtgrün wenn sich die Stadtgärtner ökologisch ausrichten.

Die Fragen stellte Ann-Kathrin Marggraf.

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