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Warum brauchen wir eine Umweltabgabe auf Plastiktüten?

Montag, 09.02.2015

5 Fragen an Julia Barthel, Projektmanagerin im Bereich Kreislaufwirtschaft

© Marggraf / DUH
© Marggraf / DUH

9. Februar 2015

Frau Barthel, warum ist die Einwegplastiktüte ein Problem für Umwelt?

Weil ihre Herstellung wertvolle Rohstoffe wie Öl verschlingt. Für die Herstellung der jährlich 6,1 Milliarden in Deutschland verbrauchten Plastiktüten benötigt man 184.000 Tonnen Kunststoff. Außerdem werden die meisten Plastiktüten nicht recycelt. Viele landen im Restmüll und nicht alle Tüten, die im gelben Sack landen, werden auch tatsächlich recycelt. Damit sind die Rohstoffe unwiederbringlich verloren. Hinzu kommt, dass ein Teil der Plastiktüten achtlos in der Landschaft liegengelassen wird. Dort schaden sie der Tier- und Pflanzenwelt.

Wie sagt die DUH der Plastiktüte den Kampf an?

Uns ist vor allem der Dialog mit den Verbrauchern wichtig, die wir für das Problem sensibilisieren möchten, z.B. über unsere Webseite www.kommtnichtindietuete.de. Während unserer Tütentauschtage im Sommer 2014 haben wir an öffentlichen Plätzen in Berlin Plastiktüten gegen eine Mehrweg-Kampagnentasche eingetauscht. Gemeinsam mit der Stiftung Naturschutz Berlin haben wir im September 2014 einen Tütenweltrekord aufgestellt. Unter dem Motto „Berlin tüt was“ kamen über 3.000 Menschen zusammen und haben eine Kette von über 30.000 Plastiktüten in die Höhe gehalten. Das ist die Menge, die stündlich in Berlin über die Ladentheke geht. Wir sprechen aber auch mit Politikern, Handelsunternehmen, Rechtsexperten und beantworten Anfragen von Verbrauchern.

Im Sommer 2014 hat die DUH gemeinsam mit der Studentin Stefanie Albrecht eine Petition auf der Internetplattform change.org gestartet. Wie kam es dazu? Warum fordern Sie eine Abgabe auf Plastiktüten in Höhe von 22 Cent und kein Verbot?

Der Kontakt zu Stefanie entstand während der Zusammenarbeit bei den Tütentauschtagen. Sie beschäftigt sich selbst intensiv mit den Themen Abfallvermeidung und Upcycling, wie man auf ihrem Blog nachlesen kann. Daher lag es nahe, dass wir zusammen etwas machen. Weder Handel noch Politik tun genug, um den Plastiktütenverbrauch dauerhaft zu reduzieren. Häufig ist es ein unreflektierter Automatismus: An die Kasse gehen, bezahlen und schon habe ich das Produkt samt Plastiktüte in der Hand. Eine Umweltabgabe führt dazu, dass dieser automatische Griff zur Plastiktüte jedes Mal neu überdacht wird. Ein Blick nach Irland zeigt, dass die Abgabe ein sehr schnell greifendes und wirkungsvolles Instrument ist. Dort hat sich seit der Einführung im Jahr 2002 der jährliche Verbrauch von 328 Tüten pro Kopf auf nur 16 Stück, also um mehr als 90 Prozent, verringert. Ein Verbot von Plastiktüten würde gegen die Verpackungsrichtlinie der EU verstoßen. Damit würde Deutschland ein Vertragsverletzungsverfahren riskieren und müsste im schlimmsten Fall eine hohe Strafe zahlen. Außerdem lässt die EU in ihrer neuen Richtlinie zu Plastiktüten nur zwei grundlegende Möglichkeiten zu, um die Tütenflut zu stoppen: Entweder die Mitgliedsländer entscheiden sich für die Vorgabe verbindliche Reduktionsziele oder führen eine Abgabe ein. Das erfolgversprechendere Instrument ist aus unserer Sicht eindeutig die Abgabe.

Am 29. Januar 2015 hat die DUH die mit der Petition gesammelten Unterschriften an den Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesumweltministerium, Florian Pronold (SPD), übergeben. Sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis?

Wir freuen uns, dass wir die Unterschriften persönlich an den Parlamentarischen Staatssekretär Florian Pronold übergeben konnten und er sich Zeit für ein Gespräch genommen hat. Jedoch teilen wir seine Meinung nicht, dass freiwillige Maßnahmen ausreichen würden, den Plastiktütenverbrauch dauerhaft und signifikant zu verringern. Der Trend geht in eine andere Richtung, denn die Verbrauchszahlen wurden bei der letzten Erhebung von 65 Tüten auf 76 pro Person und Jahr nach oben korrigiert. Auch die Verschmutzung deutscher Meere ist leider traurige Realität, wie eine regelmäßige Untersuchung von Nord- und Ostseestränden durch das Umweltbundesamt ergab. Auf andere EU-Länder zu zeigen, die pro Kopf mehr Tüten verbrauchen, darf keine Entschuldigung für eigene Versäumnisse sein.

Was erwarten Sie nun von der Politik? Was sollen die nächsten Schritte sein?

Deutschland muss Verantwortung übernehmen – immerhin belegt es beim absoluten Tütenverbrauch den vierten Platz. Wir wollen weg von den Einwegplastiktüten, aber nicht erst in den nächsten zehn Jahren. Als vielzitierte Umweltnation sollte Deutschland mit kurzfristigen, wirkungsvollen Maßnahmen die Vorbildfunktion erfüllen, die es oft für sich in Anspruch nimmt. Wir erwarten ein mutiges, ehrgeiziges Handeln mit Weitblick – das schließt die Wahl der schwächsten von zwei Alternativen der EU-Richtlinie zu Plastiktüten aus. Zudem könnte mit dem Geld einer Abgabe eine groß angelegte Informationskampagne finanziert werden. Deshalb ist die Abgabe in Höhe von mindestens 22 Cent die einzig sinnvolle und akzeptable Maßnahme gegen die Tütenflut.

Die Fragen stellte Ann-Kathrin Marggraf.

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