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Super-GAU für Mensch, Natur und Wirtschaft

Mittwoch, 26.04.2017

Heute vor 31 Jahren, am 26. April 1986 ereignete sich in Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat eine Nuklearkatastrophe ungekannten Ausmaßes. Jahrzehnte später wurden die Erinnerungen an diesen Super-GAU erneut wach. Ein Erdbeben von der Stärke 9 erschüttert die japanische Küste. Auf das Erdbeben folgt ein gewaltiger Tsunami, der erst zum Stromausfall und schlussendlich zum atomaren Notfall im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi führt. Wir sprachen mit dem japanischen Künstler Ryo Kato über seine Erinnerungen an diesen Tag und das Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber einer übermächtigen Katastrophe.

© DUH
Ryo Kato (l.) bei der Vernissage zur Ausstellungsreihe "Bedrohte Umwelt" bei der DUH

Herr Kato, Sie sind in Japan geboren und ihre Heimatstadt Niimi liegt ungefähr 1.000 Kilometer entfernt von dem Unglücksort Fukushima Daiichi. Wie haben Sie von dem Unglück erfahren? Wo waren Sie an diesem Tag?

Ich war an diesem Tag in Berlin und habe von der Katastrophe in Fukushima als erstes über das Internet erfahren. Dann habe ich den ganzen Tag die Ereignisse über die Nachrichtensender im Fernsehen verfolgt und war sehr besorgt über das, was dort passierte.

Was haben Sie gedacht, als die Regierung den atomaren Notfall ausrief?

Das alles kam mir zuerst sehr irreal vor. Ich war tief schockiert, weil ich nie damit gerechnet hätte, dass solch eine Nuklearkatastrophe in Japan überhaupt möglich wäre.
Meine ersten Gedanken und Sorgen galten natürlich meiner Familie, meinen Freunden und Bekannten, die in Japan wohnen. Dann war ich tief traurig und gleichzeitig sehr wütend darüber, dass dort ein großes Stück Natur durch den Menschen auf katastrophale Weise zerstört wurde.

Unter welchen Umweltfolgen leidet Japan heute besonders?

Ich komme gerade aus Japan. Wieder einmal ist mir mit Schrecken bewusst geworden, wie unsensibel Japaner mit ihrer Umwelt umgehen und vor allem, wie sie die massiven Umweltprobleme ausblenden. Aber natürlich haben die Auswirkungen der AKW-Katastrophe in Fukushima die japanische Gesellschaft sehr geprägt. Was mich persönlich erschüttert, dass sich ein großer Teil der Japaner bereits nach sechs Jahren keine großen Sorgen mehr um Radioaktivität macht. Sie interessieren sich vielmehr für die Wirtschaft und andere Dinge.

Wie leben Ihre Familie und Ihre Freunde in Japan mit den Folgen des Unglücks?

Meine Familie lebt in Westjapan – also weit weg von dem Unglücksort. Einige Freunde leben jedoch in Tokio. Und obwohl Tokio nicht weit entfernt von Fukushima ist, machen sie sich überhaupt keinen Kopf über die Folgen des Unglücks.

Wie schätzen Sie die umweltpolitischen Reaktionen Japans auf diese Katastrophe ein? Was hätten Sie sich von der Regierung gewünscht?

Meiner Meinung nach tut die japanische Regierung immer noch viel zu wenig für den Natur- und Umweltschutz. Sie hat ihre Haltung gegenüber Atomkraftwerken nicht wirklich geändert.
Ich wünsche mir, dass die japanische Regierung Atomkraftwerke abschafft und in den Ausbau von erneuerbaren und nachhaltigen Energien investiert.

Welchen Einfluss hatte diese Katastrophe auf Ihre Kunst?

Zum Thema Atomkraft hatte ich schon vor der Katastrophe immer wieder gemalt.
Doch der Super-GAU in Fukushima hat meine künstlerischen Visionen und Ideen stark beeinflusst, da ich meine Gefühle und Gedanken in meinen Bildern verarbeite. Zudem möchte ich über die Kunst, Menschen für Umweltprobleme sensibilisieren. Aus diesem Grund beschäftige ich mich heute in meiner Kunst vielmehr mit Umweltthemen in Japan.

Sie haben aktuell eine Ausstellung in Tokio. Fällt Ihnen etwas auf, wie sich der gesellschaftliche Diskurs im Hinblick auf Atomkraft geändert hat?

Auf der Ausstellungseröffnung gab es viel Raum für Gespräche mit den Gästen.
Nur ein einziger Besucher hat den Dialog zum Thema Atomkraftwerke mit mir gesucht. Ich hatte den Eindruck, dass meine japanischen Gäste nicht gerne über dieses Thema sprechen. Entweder sie verdrängen die Katastrophe oder sind sich dem Ausmaß der Folgen nicht bewusst. Sie machen einfach die Augen zu – was mich sehr verärgert und fassungslos macht. Die Deutschen sind nach meinem Erleben von der Katastrophe viel mehr berührt. Ich würde sogar sagen, dass der Super-GAU die Deutschen sehr viel stärker geprägt hat, als die Japaner.

Vielen Dank, Herr Kato.

Ryo Kato zeigt bis April 2018 die Ausstellung „Bedrohte Umwelt“ in den Geschäftsräumen der DUH in Berlin. Vereinbaren Sie einen Termin und kommen Sie uns besuchen!


Die Fragen stellten Claudia Tauer und Laura Holzäpfel.

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