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„Macht es doch auf eine Art und Weise, die unsere Umwelt nicht belastet!“

Berlin, Donnerstag, 11.08.2016

Interview mit dem Bundestagsabgeordneten Dr. Gregor Gysi zur Kampagne der Deutschen Umwelthilfe (DUH) „Becherheld – Mehrweg to go“ und zu Möglichkeiten, die Pappbecherflut zu stoppen.

© DUH
© DUH


15. August 2016

Immer mehr Menschen greifen zu Einwegbechern, um ihren Kaffee unterwegs zu trinken. Doch dieser Trend hat negative Folgen für die Umwelt: Die meisten der 2,8 Mrd. Coffee to go-Becher werden nach nur 15 Minuten Benutzung weggeworfen. Damit kosten die Becher nicht nur eine Menge Ressourcen, sondern füllen Mülleimer, verschmutzen Straßen, öffentlichen Plätze oder die Natur.

Herr Gysi, trinken Sie gerne Kaffee?

Heute nicht mehr, früher trank ich aber sehr häufig und gerne Kaffee. Heute trinke ich nur noch Tee.

Als vielbeschäftigter Politiker und Anwalt ist doch sicher auch das ein oder andere Heißgetränk zwischendurch oder unterwegs dabei. Ob früher Kaffee oder jetzt Tee, benutzen Sie dabei denn auch Einwegbecher aus Pappe oder Plastik?

Nein, ich trinke Tee entweder zu Hause oder in Restaurants. So unterwegs mache ich das so gut wie gar nicht. Einzige Ausnahme kann mal sein, wenn ich an einer Autobahnraststätte bin, da kriege ich den Tee dann allerdings meistens auch in Einwegbechern, ja. Allerdings schmeckt er dann auch nicht so gut. Die Pappe ist ja auch irgendwie behandelt.

Wie sieht es denn hier im Bundestag mit den to go-Bechern aus? Da wird doch von vielen Kolleginnen und Kollegen zwischen den Sitzungen Kaffee getrunken?

Es hängt davon ab, wo sie das kaufen. Beim Restaurant bekommt man ihn auch anders, da kann man ihn im Glas nehmen usw. Wenn man natürlich hier unten zu einem Bäcker geht, ihn dort kauft und mitnehmen will, dann bekommt man wahrscheinlich auch die Becher, die Sie gerne loswerden wollen.

Und fällt Ihnen das auf, dass viele mit Einweg-Bechern herumlaufen?

Gelegentlich fällt mir das auf, wobei ich inzwischen selbst einen Schritt weiter gekommen bin: Also früher bin ich immer davon ausgegangen, man muss die großen Öko-Fragen klären, um die kleinen muss ich mich nicht kümmern. Das sollen andere machen. Inzwischen habe ich begriffen, wenn man sich um die kleinen Probleme nicht kümmert, bekommt man auch die großen nicht gelöst; aber das war auch eine Entwicklung bei mir, das will ich nicht bestreiten.

Und wie sieht es mit anderen Menschen aus, mit denen Sie als Politiker oder als Anwalt zu tun haben?

Ganz unterschiedlich. Es gibt solche, die sind sehr umweltbewusst, die achten auf all das. Die müssen auch nicht Mitglied bei den Grünen sein, die können ganz woanders organisiert sein. Und dann gibt es solche, die nehmen das auf die leichte Schulter, das merkt man sofort. Dann hängt es immer von der Situation ab, ob man sich darüber streitet oder nicht.

Glauben Sie, dass der Handel etwas tun könnte, um die Becherflut zu stoppen?

Auf der einen Seite ist es natürlich so, dass man das Bewusstsein der Leute überhaupt für ökologische Nachhaltigkeit entwickeln muss. Das steht fest. Wenn ich das Bewusstsein der Leute nicht entwickle, komme ich letztlich auch politisch und moralisch gar nicht weiter. Das fängt aber dann schon in der Kindertagesstätte an, logischerweise auch zu Hause, aber eben auch in den Kindertagesstätten und Schulen. Gerade wenn es von zu Hause aus Defizite gibt, ist es wichtig, dass die Kindertagesstätten und Schulen hier Aufklärung anbieten. Nicht penetrant, sondern Aufklärung anbieten. Das ist das Erste.

Das Zweite ist, dass die Politik handeln muss. Und zwar immer dann, wenn sich ein schädliches Verhalten durchsetzt, das korrigierbar ist. Es gibt ja auch manche Sachen, die sind nicht korrigierbar, da geht es um eine Grundentscheidung: Baut man das Wasserwerk oder baut man es nicht? Das ist dann noch viel komplizierter. Da hat man sowieso Initiativen der einen wie der anderen Art. Aber dort, wo es korrigierbar ist und ja eigentlich nur bedeutet, dass man einen anderen Weg gehen muss, da muss die Politik zweifellos aktiver werden. Man will den Leuten ja nicht das Vergnügen am Kaffee oder am Tee oder an was auch immer streitig machen, sondern nur sagen: „Macht es doch auf eine Art und Weise, die unsere Umwelt nicht belastet!“

Also Sie sehen da mehr Handlungsbedarf in der Politik als im Handel?

Ja, der Handel steht unter einer anderen Prämisse. Der Handel steht unter der Prämisse „kostengünstig“. Der will Profit machen. Ergo ist denen ein billigerer Weg schwer auszureden. Das ist das Problem. Weil er schwer auszureden ist, kann ich natürlich an sie appellieren. Das kann ich gerne machen, doch wenn es keine Wirkung hat, muss die Politik einschreiten. Also man kann sich auch an den Handel wenden, manchmal gibt es Initiativen, dass sich so etwas durchsetzt. Das hängt auch immer davon ab, wie sich die Leute verhalten: Wenn die Leute plötzlich sagen, nee, mit so einem (Einweg- (a.d.R.)) Becher machen sie das nicht und immer mehr sich einen eigenen Becher mitbringen, dann wandelt sich auch der Handel. Weil es plötzlich für ihn zum Verlust wird. Aber das ist immer so ein langer Prozess, da ist es mir lieber, die Politik greift vorher ein. Nicht in jede Frage, nicht immer, nicht in jedem Detail, aber in einer bestimmten Richtung sollte sie schon eingreifen.

Wie denken Sie, könnten die Maßnahmen der Politik aussehen?

Unterschiedlich. Erstens kann man natürlich bestimmte umweltschädliche Becher schlicht und einfach verbieten. Denn es gibt ja auch eine Begründung, indem man sagt: „Wir sind für die Entsorgung der Becher zuständig, egal ob sie in öffentlichen Mülleimern oder auf Straßen, Plätzen oder in der Natur landen. Das ist sehr teuer und das belastet wieder die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler, so dass wir auch ein Recht haben als Politik „Nein“ zu Einweg-Bechern zu sagen.

Der andere Weg ist, dass man das indirekt macht, indem man zum Beispiel solche Mehrweg-Becher, wie die DUH sie vorschlägt, oder den Kaffee daraus, steuerlich günstiger macht. Das ist so ein Trick in der Politik, deswegen heißen ja „Steuern“ genau so, weil man mit ihnen steuern kann. Es gibt verschiedene Wege: Aber ich würde ehrlich gesagt nicht den indirekten Weg gehen, sondern den direkten und sagen: „Bestimmte Sachen, die für uns teuer sind, die wir teuer entsorgen müssen und die außerdem noch die Umwelt belasten – und nicht nur die Umwelt, sondern auch die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler belasten – die kann ich verbieten und sagen, es gibt einen anderen Weg. Macht das so und so und dann ist es in Ordnung.“

Was halten Sie von der Kampagne „Becherheld – Mehrweg to go“ der Deutschen Umwelthilfe?

Also, eine Kampagne ist immer gut, wenn sich die Leute dann damit beschäftigen und auseinandersetzen. Es genügt nicht, nur eine Kampagne zu starten, sondern das Wichtigste ist, dass man dann auch auf die Straßen, in die Schulen geht, dass man an die Plätze kommt, wo die Leute sind und versucht, sie zu überzeugen. Nicht penetrant, nicht humorlos, vielleicht sogar mit ein bisschen Witz und man kann sie erreichen. Wenn sich das Bewusstsein entsprechend entwickelt, dann fragen die Leute auch nach. Dann gehen sie zu McDonald’s und sagen „Können Sie mir nicht einen Becher geben, den ich wiederverwenden kann oder muss ich mir den selber mitbringen?“ Und wenn du das gut organisierst, macht das auch Druck auf den Handel.

Vielen Dank, Herr Gysi, für das Interview. Weil Sie ja schon sehr selten Einweg-Becher benutzen, möchte ich Sie gern zum Abschluss zum „Becherhelden“ küren und unseren Becherhelden-Becher überreichen – damit Sie auch in der Raststätte künftig keine Pappbecher mehr verwenden müssen.

Vielen Dank! Den Becher stelle ich mir jetzt gleich in mein Auto und nehme den dann immer mit, wenn ich mir meinen Tee doch mal „to go“ bestelle.

Das Interview führte Britta Wiedemann.

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