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Hintergrundinformationen zum Thema Umweltgerechtigkeit


Die Frage nach der sozialen Ungleichverteilung von Umweltbelastungen wird in den USA seit den 1980er Jahren unter dem Schlagwort „environmental justice“ diskutiert. Unter den Begriffen „Umweltgerechtigkeit“ oder auch „Ökologische Gerechtigkeit“ betrachtet man auch in Deutschland die Frage inwieweit Umweltqualität, Gesundheitsbelastungen und Sozialstatus zusammenhängen. In diesem Zusammenhang hat der Umweltschutz viele Bezugspunkte zu anderen Politikfeldern, zum Beispiel  Umwelt-, Energie- oder Gesundheitspolitik. Gerade Kommunen können durch ihre Politik viel zur Verbesserung der Lebensbedingungen von sozial Benachteiligten beitragen. Die Projekte der Deutschen Umwelthilfe  betrachten insbesondere die Themenfelder Naturschutz, Klimaschutz und Umweltschutz.


Naturschutz und soziale Gerechtigkeit

Die Lebensräume der in Städten lebenden Menschen sind in vielen Fällen weitgehend auf das städtische Umfeld beschränkt. Eine direkte Naturerfahrung ist also nur dann möglich ist, wenn geeignete Räume im Stadtbereich zur Verfügung stehen.  Ein wichtiges Anliegen bei der Förderung von Natur in der Stadt ist es daher, dass alle Einwohner gleichermaßen Zugang zu wohnungsnahen und lebenswerten Erholungsräumen haben.

Grünflächen dienen der Naherholung, regulieren das städtische Klima und bieten Lebensraum für Pflanzen und Tiere. Zudem prägen Gärten, Parks und Grünanlagen den Charakter eines Stadtteils mit und stellen wichtige Kommunikationspunkte für Erwachsene und Kinder dar. Gerade Kinder brauchen aufgrund ihrer geringen Mobilität solche Naturerfahrungsräume im unmittelbaren Wohnumfeld. Für sie sind Grünflächen als Spielflächen und für die Entwicklung sozialer Kontakte wichtig. Außerdem stellen ein auf die Wohnung beschränkter Lebensraum und Bewegungsarmut von Kindern Risikofaktoren für Übergewichtigkeit dar. Die positiven Auswirkungen auf die Gesundheit sind offensichtlich: Natur ist gut für Physis und Psyche und trägt kostengünstig zur Gesunderhaltung der Bevölkerung bei. Naturzugang ist aktiver Gesundheitsschutz. Unter dem Gesichtspunkt der sozialen Gerechtigkeit ist es also äußerst fragwürdig, das der Zugang zu städtischem Grün sozial ungerecht verteilt ist, wie zwei beispielhaft vorgestellte Forschungsergebnisse zeigen. Der „Gesundheitsbericht für Deutschland“ des Statistischen Bundesamtes von 1998 stellt fest, das am Wohnungsmarkt benachteiligte Gruppen häufiger in Stadtteilen leben, die wenige Grünflächen aufweisen. Für die Stadt Kassel stellte eine Untersuchung anhand zwei verschiedener Stadtteile fest, dass es einen Zusammenhang zwischen der Versorgung mit Grünflächen und der Arbeitslosenquote gibt (Köckler 2008). Für die Lebensqualität entscheidend ist allerdings nicht nur das Vorhandensein der Fläche, sondern auch ihre Nutzbarkeit durch die Menschen. Viele Grünflächen im Geschosswohnungsbau werden kaum von den Bewohnern angenommen, weil sie degradiert und monoton sind.

Im Gegensatz hierzu steht die Erfahrung von Städten, die ihre Grünflächen neu für die Bewohner nutzbar und erlebbar machen: Projekte wie Mietergärten und Naturerlebnisflächen für Kinder werden gerne angenommen, schaffen Naturerfahrung und stärken die Stadtteilidentität. Dies sind Ansatzpunkte für eine umweltgerechte Stadtentwicklung und Grünflächengestaltung.

Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit

Aus Sicht des Klimaschutzes ist es wichtig, dass wenig Energie verbraucht wird. Ein niedriger Energiepreis führt zu einem hohen Verbrauch und einer starken Umweltbelastung. Ein teurer Energiepreis motiviert die Menschen dazu, Energie sparsam zu verbrauchen und energieeffiziente Geräte anzuschaffen. Allerdings tragen gerade Arme einen prozentual gesehen höheren Anteil an Ausgaben für Energie. Häufig können die Kosten für Strom und Heizung nicht mehr gezahlt werden. Man spricht von "Energiearmut".  Durch Energiesparberatungen wie sie zum Beispiel in einem Projekt der Caritas durchgeführt werden, profitieren einkommensschwache Haushalte sofort. Durch Einsparungen bleibt den Haushalten mehr Geld und gut für das Klima ist es auch.


Ein großes umwelt- und sozialpolitisches Potenzial ist im Bereich Altbausanierung zu sehen. Etwa 80% aller Wohngebäude wurden vor 1979 erbaut – die meisten besitzen eine schlechte Energiebilanz. Aber Sanierungen bieten nicht nur Potenzial für den Klimaschutz. Die Luftqualität im Innenraum, die durch Bausubstanz, Baumaterialien und Einrichtungsgegenstände beeinflusst wird, kann ein Risiko für die Gesundheit darstellen. Kurz: Mit Schimmel wohnt man ungesünder. Wohnraumsanierung ist eine Sache des Vermieters. Wenn der nicht saniert, zieht man weg – oder bleibt, weil man es sich nicht anders leisten kann, daher leben häufiger arme Haushalte in Wohnungen mit schlechter Innenraumluftqualität. Wichtig ist es für die Bewohnenden, dass Sanierungen sozialverträglich gestaltet sind, zum Beispiel in dem sie warmmietenneutral durchgeführt werden. Für die Mieter reduzieren sich dann langfristig die Energiekosten, und Kommunen, die die Energiekosten von Transfereinkommensbeziehern zahlen, sparen ebenfalls Geld ein.

Kommunen machen bei Sanierungen öffentlicher Liegenschaften, zum Beispiel von Schulen, übrigens einen doppelten Gewinn: Gesundheits- und Klimaschutz werden verbessert! Zudem ist das Einsparpotenzial enorm: 600 Millionen Euro könnten die Städte und Gemeinden laut Deutscher Energieagentur jedes Jahr einsparen, wenn man ihr Energiemanagement optimieren würde.

Im Bereich Sanierungen zeigt der Blick in andere europäische Länder, dass es Förderprogramme gibt, die speziell an den Bedürfnissen sozial Benachteiligter ausgerichtet sind. Zum Beispiel das Programm "Warm Front" in Großbritannien.


Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit

Menschen aus unteren Statusgruppen wohnen häufiger an Hauptverkehrsstraßen und in Regionen mit einer erhöhten Schadstoffbelastung. Die Umwelt- und Gesundheitsbelastung, zum Beispiel durch Stickstoffdioxid und Feinstaub, betrifft daher sozial Schwache häufiger. Auch die Belastung durch Verkehrslärm kann die Gesundheit beeinträchtigen. Auch hier gilt: Reichere ziehen weg, selbst wenn sie für die Mieten dann tiefer in die Tasche greifen müssen. Für ärmere Menschen bleiben oft nur die schwer vermietbaren Wohnlagen. Lärm- und Verkehrsminderungskonzepte in Kommunen können dazu beitragen, die Lebensqualität sozial Schwächerer zu verbessern. Verkehrsberuhigung, innovative Verkehrskonzepte im ÖPNV und die Gestaltung sicherer Fahrrad- und Fußwege erhöhen die Luft- und Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum.


Fotos (v. o.):
Generationengarten Berlin-Kreuzberg © www.planwerkstatt-berlin.de | Drehstromzähler © Tim Heinrichs-Noll - www.pixelio.de | Umfassend energetisch saniertes Wohngebäude mit Solarwärmeanlage © GEWOBAU-Erlangen  |  Autobahnausfahrt Nürnberg-Schweinau © M. Hauck - www.pixelio.de